Von Cordt Schnibben

Erst als Wolf gang Clement zurücktrat, nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis, daß es ihn gegeben hatte. Sechs Jahre lang war er SPD-Sprecher gewesen, ohne unangenehm aufzufallen. Geißler hatte er zwar mal als „Büttenredner“ bezeichnet und eine gemeinsame Bundesregierung mit den Grünen als „Witz“, aber sonst hielt er sich zurück. Journalisten in Bonn schätzten an ihm, daß er als SPD-Sprecher mehr Journalist geblieben denn Funktionär geworden war. Wenn alles wie geplant weitergelaufen wäre, hätte Clement am nächsten Wochenende auf dem SPD-Parteitag den Bundesgeschäftsführer Peter Glotz abgelöst und wäre zum obersten Lenker des SPD-Parteiapparates aufgestiegen. Wenn es nur diese Nacht nicht gegeben hätte, die Nacht vom 11. auf den 12. November 1986.

Am Tag vor dieser Nacht hatten die Hamburger Wähler der CDU mehr Stimmen gegeben als der SPD und damit ein Signal gesetzt für die folgende Bundestagswahl: Rau konnte nicht mehr Kanzler werden. „Vor den Fernsehern in der Baracke saß eine Parteispitze, die völlig aus den Fugen geraten war“, erinnert sich Wolfgang Clement. „Es gab absurde, verletzende Vorwürfe in alle möglichen Richtungen. Ich hatte eine solche kopflose, depressive Situation vorher noch nie erlebt. Ich bin nach Hause gefahren und hab’ zu meiner Frau gesagt: Das ist das Ende.“

Am nächsten Morgen trat Clement zurück; mitten im Kampf um die deutsche Meisterschaft stand Rau ohne Trainer da. „Das war eine ganz und gar emotionale Entscheidung, nicht vorbereitet, nicht kalkuliert, nicht durchgespielt.“ Zwar blieb Clement dann bis zum bitteren Ende der Bundestagswahl noch Raus persönlicher Berater, aber sein Abschied von der Partei war unumstößlich. „Eines Morgens wachte ich neben meiner Frau auf und dachte: Jetzt bin ich nichts mehr.“

Inzwischen ist er wieder wer. Er ist Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, der ältesten deutschen Boulevardzeitung. Clement soll das zerzauste und bankrotte Blatt wieder aufputzen; ähnlich erfolgversprechend wäre die Aufgabe, als Wahlkampfmanager Hans Apel zum nächsten Bundeskanzler zu machen. Die „Mottenpost“, wie sie in Hamburg mitleidig genannt wird, ist doppelt und dreifach imagekrank, sie gilt als Sozi-Blatt und als Nutten-Blatt und obendrein als hoffnungslos verschlafen. Galt‚ muß man sagen, denn Clement hat in den ersten vier Monaten seines Wirkens deutliche Spuren hinterlassen. Einige lokalpolitische Enthüllungen gelangen der Morgenpost.

Meilenweit ist die Zeitung aber noch von dem Idealblatt entfernt, das Clement aus ihr machen will: eine „Stadtzeitung neuen Typs“, ein heiteres Boulevardblatt, seriös wie eine Abonnementszeitung, nach allen Seiten politisch offen, ein Sprachrohr des einfachen Bürgers gegen Bürokratie und Parteienübermacht. Diese Vision ist sein ganz persönliches Fazit der sechs Jahre auf den Bonner Kommandohöhen.

Die Selbstherrlichkeit der Parteien, ihr von ihnen selbst nicht einmal mehr wahrgenommener allumfassender Machtanspruch, sei unersättlich. „Bei Wahlen war für uns immer vorher schon alles klar, die Sprachregelungen für die möglichen Ergebnisse standen fest. Für die Hamburger Wahl damals hatten wir vier Erklärungen vorbereitet, die fünfte allerdings nicht.“