Von Andreas Kohlschütter

Gaza/Jerusalem/Amman, im Mai

Die Frühsommerhitze im Fastenmonat Ramadan treibt sie in den Schatten. Da sitzen sie und dösen und grübeln und warten. Alte, müde Menschen, ihre Gesichter gezeichnet von Gram und Ratlosigkeit: „Für Israel und die arabischen Staaten dauerte der Junikrieg von 1967 ganze sechs Tage, von Montag bis Samstag; für uns Palästinenser dagegen ist auch nach zwanzig Jahren kein Ende in Sicht“, erklärt einer verbittert.

In den 1967 von den Israelis besetzten Gebieten des Gaza-Streifens, Ost-Jerusalems sowie der Jordan-Westbank schwankt das Stimmungsbarometer der rund 1,5 Millionen Palästinenser wie eh und je zwischen Resignation und Rebellion. Die ältere Generation steht immer noch im Bann des israelischen Blitzsieges von 1967, der erdrückenden militärischen Übermacht und der eigenen Ohnmacht: „Was können wir denn tun, außer für eine Lösung beten, die nicht in unserer Hand liegt?“

Einst glaubten sie, die Okkupation werde nach wenigen Monaten beendet sein. Heute sind sie überzeugt, daß sich daran auch auf lange Sicht nicht rütteln läßt. „Die Araber haben uns 1967 verschaukelt“, geht die Klage in den trostlosen Flüchtlingslagern von Dheisheh bei Bethlehem und Aqbat Jabr bei Jericho. Sogar der aktivistische Haidar Abdul Shafi, Arzt, PLO-Sympathisant und Vorsitzender des Roten Halbmond (Rotes Kreuz in Gaza) rechnet mit „weiteren zwanzig Jahren Besatzung, vielleicht auch viel mehr“. Und in Jerusalem erklärt ein palästinensischer Intellektueller niedergeschlagen: „Wir sollten nicht mehr hoffen, denn es tut weh.“

Die jüngere Palästinensergeneration in den besetzten Gebieten denkt anders. Sie demonstriert immer militanter gegen die Unterdrückung, auf die sich Israels Gaza- und Westbank-„Politik“ reduziert hat. UNRWA-Direktor Bernard Mills von der Uno-Hilfsorganisation für Palästinaflüchtlinge zur Situation: „Es geht den Isrealis nicht mehr um Verbesserung palästinensischer Lebensqualität, im Hinblick auf eine politische Lösung und einen Friedenskompromiß; es geht nicht mehr ums Überzeugen, sondern nur mehr um Unterwerfung.“

Das wollen die Jungen, die infolge von Rezession und Arbeitslosigkeit auch wirtschaftlich nicht mehr viel zu verlieren haben, nicht länger tatenlos und schweigend wie ihre Väter hinnehmen. „Für sie ist Israel“, so einer von König Husseins engsten Beratern in Amman, „nur noch verhaßter und verwundbarer Feind, nicht der unschlagbare, im Stillen gar bewunderte Sieger von 1967.“ Sie gehen auf die Straße, ungeachtet elterlicher Verbote, drohender Verhaftung, horrender Strafen. Nicht einmal die scharfschießenden israelischen Besatzungssoldaten können sie daran hindern. Steine, Messer, Schraubenzieher, Molotow-Cocktails sind ihre Waffen; israelische Militärs, Siedlerinvasoren, bewaffnete Groß-Israel-Propheten ihre Ziele; und ihre Vorbilder sind schiitische Selbstmordkommandos, abgebildet auf großen Plakatwänden, die in den Flüchtlingslagern stehen.