Die Sorgen der hochwürdigen und hochwürdigsten Herren möchte man haben. Da geht durch die ganze Welt eine Bewegung, die endlich Schluß zu machen versucht mit den zum Himmel schreienden Diskriminierungen und Demütigungen der Frau durch den sich selber erhöhenden Mann – und einige Herren in violetten Soutanen am Essener Zwölfling beschäftigt allen Ernstes die Frage, ob denn nun bei der Maria von Nazaret vor, während oder nach der Geburt ihres Sohnes Jesus das Jungfernhäutchen intakt geblieben ist. Sie halten in ihrer unterbewußten Verteufelung von Sexualität ein „Ja“ für so essentiell, daß sie, widrigenfalls, eine wissenschaftliche Karriere zu opfern bereit sind.

Die Laufbahn der Uta Ranke-Heinemann freilich mußte den Hütern der Glaubens- und Sittenordnung eigentlich immer schon suspekt sein. Einerseits mochte man sich mit der ersten und einzigen Professorin für katholische Theologie gern schmücken. Andererseits hatte sie immer wieder „heiße Eisen“ angefaßt, hatte über die „geschlechtliche Grunabefindlichkeit des Menschen“ geschrieben; hatte, schlimm, die Ächtung des Napalms und die Beendigung des Vietnamkriegs gefordert; hatte, schlimmer, bei der Bundestagswahl für die „Friedensliste“ kandidiert; hatte, noch schlimmer, die Sexualethik-Erklärung der Glaubenskongregation für „weithin lieblos, ungerecht und theologisch völlig schludrig“ zu halten gewagt. Jetzt also will sie an die „biologische Jungfräulichkeit Mariens“ nicht glauben. Kann, soll, darf so jemand künftige Religionslehrer ausbilden?

Wenn wir akzeptieren, daß eine öffentlichrechtliche Gemeinschaft – eine Partei, ein Verein, eine Kirche – nur die nach ihrer Oberen Meinung absolut Rechtgläubigen in ihren Reihen und vor allem auf ihren Kanzeln duldet: keine weitere Diskussion. Die rigorose Dogmatisierung hat – Küng, Schillebeeckx, Boff und andere wissen dies genau – ihre noch rigoroseren Konsequenzen.

Nun sind auf wundersame Weise geborene Götter in der Mythologie nichts Außergewöhnliches. Ob mit eines Vaters Hilfe, ob ohne Zeugung oder gar ohne Mutter: was den anderen Religionen wichtig war, mußte auch vom neuen Christenglauben aus Reputationsgründen wie als Vorstellungs-Modell beansprucht werden.

Zwar berichten Matthäus und Lukas, daß die junge Frau Maria – noch bevor sie mit ihrem Verlobten Joseph „zusammengekommen“ war oder er sie „erkannt“ hatte – „vom Heiligen Geist empfangen“ habe. Aber dann ist (Mk 6,3) von Brüdern, von Jacobus und Joses, Judas und Simon die Rede, selbst von Schwestern. Und mag der Zimmermann Joseph auch in die spätere Jungfrauengeburt-Theologie nicht mehr hineinpassen: für die direkte Abstammung des Jesus vom Vater Abraham wie vom König David (Mt 1/Lk 3) war er noch nützlich genug.

Die einzige, unumstößliche „Gewißheit“: das Anamneseblatt des Gynäkologen der jungen Frau Maria fehlt ebenso wie der Vaterschaftstest des Joseph. Nicht zu „wissen“ fähig, aber zu „glauben“ bereit freilich sind wir dies: daß der Gott in seiner alle menschlichen Erfahrungen und Vorstellungen überschreitenden, so ganz anderen Existenzform eine seiner eben nicht begreifbaren Möglichkeiten – die wir den „Geist“ nennen – genutzt hat, um aus dieser seiner Existenz heraus (auch) Mensch zu werden – in einer Person Jesus, die geboren wurde und als der Christus starb – und um, auferweckt, wieder in seine Göttlichkeit zurückzukehren. Was soll uns da das Jungfernhäutchen?

Früher baute die Inquisition Scheiterhaufen, heute entzieht die Kurie Lehrbefugnisse. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott – hatte Luther gefragt. Er könnte seine Erfahrung an die Prälaten weitergeben. Heinz Josef Herbort