Die Brüder des ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl wurden kürzlich mit dem Gustav-Heinemann-Bürger-Preis ausgezeichnet, weil sie aufgefordet haben zum Dialog mit Terroristen und deren Sympathisanten. Das Preisgeld haben sie dem Rechtshilfefonds für Peter-Jürgen Boock gestiftet. Boock, seit sechseinhalb Jahren in Untersuchungshaft in Hamburg und Stuttgart-Stammheim, hat die RAF schon vor seiner Festnahme verlassen. Seinen Bruch mit der Gruppe bekräftigte er, indem er den Spiegel über einen von der RAF geplanten Anschlag informierte. Wegen Mitwirkung an Planung und Durchführung der Anschläge auf Ponto und Schleyer wurde er als Mörder verurteilt, obwohl ihm keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte. Die Verurteilung als Mörder ist rechtskräftig, das Gesamturteil noch nicht. Im ersten Revisionsverfahren lautete es: lebenslänglich. Über einen neuen Revisionsantrag der Verteidigung ist noch nicht entschieden. Anläßlich der Preisverleihung sagte Carlchristian von Braunmühl: „Wir wollen dazu beitragen, daß das Verfahren weitergehen kann und hoffen, daß ein Urteil gefunden wird, das als ein Signal zur Versöhnung zu verstehen ist und zeigt, daß der Appell ,Hört auf! Kommt zurück!’ nicht zynisch gemeint ist und auch ohne Selbstaufgabe befolgt werden kann.“

Mit Peter-Jürgen Boock sprach ZDF-Mitarbeiter Michael Schmitz.

Herr Boock, die Brüder von Braunmühl fordern Terroristen und deren Sympathisanten zur Abkehr auf. Kann ein solcher Appell diese Gruppe erreichen, ist ein Dialog möglich?

Peter-Jürgen Boock: Also explizit als Dialog kann ich mir das in der momentanen Situation nur sehr schwer vorstellen. Man muß sich die Situation der Leute vor Augen führen, die sind isoliert, auch innerhalb der Linken, sind im Untergrund, sind einen Großteil der Zeit damit beschäftigt, ihre äußeren Bedingungen aufrechtzuerhalten, so daß schon für Auseinandersetzungen untereinander relativ wenig Raum ist, und für eine Auseinandersetzung nach außen die Bedingungen natürlich noch viel schwieriger sind, zumal wenn man sich bewußt ist, daß man eigentlich rundherum auf Abwehr stößt. Was anderes ist es, daß ich mir vorstellen könnte, daß die Zweifel, die bei einzelnen vorhanden sind, durch eine solche Geste Nahrung erfahren, denn wer rechnet schon damit, daß jemand, der aus Sicht der RAF zum Lager der „Feinde“ gezählt wird, plötzlich die Hand ausstreckt und sagt, wir wollen mit euch reden oder sagt, ihr habt unseren Bruder getötet, und wir wollen jetzt wissen warum. Wir fordern euch heraus, wir sagen, was ihr in eurem Flugblatt vor Ort zurückgelassen habt, das stimmt so nicht, und ihr habt uns Rede und Antwort zu stehen. Das ist eine Herausforderung. Bis es dann mal zu dem Schritt kommt zu sagen, so, das will ich nicht mehr, jetzt reicht es mir, das ist schwer vorauszusagen, aber ich denke, daß dazu viele kleine solcher Anläße gehören.

Sie selbst haben die RAF verlassen. Könnten Sie sich im nachhinein Umstände vorstellen, die Ihnen das früher möglich gemacht hätten?

Boock: Bei mir und bei der ganzen „Generation“ der Gruppe, um die es damals ging, spielen ja die 77er Ereignisse eine wesentliche Rolle. Schleyer, Ponto und auch die Konfrontation, die es danach gab, reihum. Es war ja damals auch so, daß innerhalb der Linken ein Distanzierungszwang bestand, der für die RAF in gewissem Sinne unheimlich gut war, weil er die Leute gar nicht gefordert hat. Denn wenn jemand sagt, ich will mit dir nichts zu tun haben, dann ist das in Ordnung; wenn er sagt, ich will wissen, warum du das gemacht hast, das ist schon viel schwieriger. Ich denke, daß es für mich zum Beispiel entschieden leichter gewesen wäre, wenn ich gewußt hätte, da sind Leute, an die ich mich auch in der Auseinandersetzung wenden kann.

Das Preisgeld der Heinemann-Auszeichnung ist für einen Rechtshilfefonds für Peter-Jürgen Boock gestiftet worden. Hat Sie das überrascht