Nach 23 Jahren verabschiedete sich Willy Brandt als Vorsitzender der SPD. In seiner letzten Rede sagte er unter anderem:

Einer, der nicht für Hitler kämpfen mußte, sondern für das andere Deutschland arbeiten konnte, durfte mit großer Genugtuung erfahren, daß Friede und Deutschland wieder, oder für viele in Europa überhaupt erst auf einen Nenner gebracht wurden. Dies entsprach guter deutscher, sozialdemokratischer Tradition ... Nie war unsere Partei an der Seite derer, die Krieg anfingen und Knechtschaft über unser Volk brachten. Wir haben vielmehr dafür gearbeitet, daß aus Millionen geschundener Proletarier und unmündiger Frauen selbstbewußte Staatsbürger werden konnten ...

Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit...

Ich trete dafür ein, daß der freiheitliche Gedanke im demokratischen Sozialismus stark bleibt und noch stärker wird ... Auf Freiheit zu pochen – zuerst und zuletzt – für uns Europäer und für das eigene Volk, Freiheit einzuklagen für die Verfolgten und Ohnmächtigen – dies sei meine letzte „Amtshandlung“ als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ...

Wir brauchen die kritische Sympathie der sogenannten Außenseiter. Wir brauchen auch die Unbequemen. Die Querdenker. Sogar bunte Vögel, die sich gelegentlich über uns lustig machen. Eine Partei vom Schlag der deutschen Sozialdemokratie darf nie und nimmer der Versuchung geistiger Anspruchslosigkeit erliegen. Und Mangel an Humor ist auch kein Schlüssel zum Erfolg...

Ich überschätze nicht die Bedeutung dessen, was zwischen den Weltmächten im Gespräch ist. Von gesichertem Weltfrieden kann auch dann nicht gesprochen werden, wenn Atomraketen gewisser Kategorien abgezogen und verschrottet werden, aber für die Geschichte der Ost-West-Beziehungen wäre ein neues Datum gesetzt, möglicherweise die Chance einer neuen Entwicklung gegeben. Die Politik hätte in einem wichtigen Bereich wieder die Oberhand gewonnen über das militärische Kalkül... Wenn auf den Wege zum Rüstungsabbau Fortschritte erzielt werden, darf parallel erstens nicht versäumt werden, regionale Konflikte zu entschärfen und – in Ubereinstimmung mit internationalem Recht beizulegen. Zweitens meine ich mit Bestimmtheit: Es sind Vorbereitungen dafür zu treffen, einen Teil der durch Rüstungsabbau freiwerdenden Mittel so umzulenken, daß Hunger und Elend in der Welt zurückgedrängt werden können ...

Diese unsere Bundesrepublik muß wieder Anschluß finden an ein dieser Zeit gemäßes Denken und Handeln. Sie muß sich ohne großen Zeitverlust modernisieren. Sie muß ihr europäisches Gewicht richtig in die Waagschale legen. Sie muß und sie wird es mit unserer Hilfe. Mit der Hilfe der vielen, die wetteifern möchten im Dienst am Frieden, für Freiheit und für menschengerechten Fortschritt. Und wenn man wissen will, ob ich dessen so sicher sei, antworte ich mit dem letzten Satz, den Léon Blum, der Führer der französischen Sozialisten – Buchenwald überlebend – zu Papier brachte: „Ich glaube es, weil ich es hoffe.“