Von Christiane Grefe

Das hohe Fenster ist weit aufgerissen. Draußen regnet es stürmisch. Im so durchlüfteten, antik möblierten Büro am Odeonsplatz residiert der Leiter der Gesundheitsabteilung im Bayerischen Innenministerium, Dr. Heinrich Drausnick. Ein älterer Herr mit patriarchalisch gütiger Ausstrahlung; nur millimeterweit verzieht sich der Mund zu einem Lächeln: „Frisch hier, nicht wahr?“ fragt Drausnick mit leiser Stimme. „Frostig. Wie in Sibirien. Ja, ja, die eiskalte Bürokratie.“

Er meint es milde, ironisch. Doch schwingt die mürrische Gekränktheit desjenigen mit, der – wenn auch gepuffert durch seinen Dienstherrn, den Staatssekretär – seit Wochen harte Kritik einstecken muß. Viele Bürger hat nämlich tatsächlich schauderndes Frösteln gepackt, als vor einem Monat endgültig der langdiskutierte „Maßnahmenkatalog“ (siehe Kasten auf Seite 14) als bayerische Spezialität der Aids-Bekämpfung durch ministerialamtliche Mitteilung in Kraft gesetzt wurde.

Autoritärer Zugriff auf intimste Selbstbestimmung. Kontrolle, Überwachung und Zwang bei „Uneinsichtigkeit“, notfalls unter Einsatz körperlicher Gewalt. Und seuchenrechtliche „Absonderung“ statt Vertrauen auf eigenverantwortliches Handeln. Geht Bayern mit nachahmenswertem Beispiel voran, oder ist der Freistaat ein schlimmer Vorreiter einer unbarmherzigen, irrationalen Paranoia-Politik?

„Ich würde den Test nie wieder machen“, sagt Martina.* „Als ich hörte, daß ich positiv bin, habe ich angefangen zu trinken, bis es nicht mehr ging. Ich war total fertig.“ Die dreißigjährige Fixerin erfuhr bei der Entzugstherapie, daß sie den HI-Virus in sich trägt. Fahrig, traurig, nervös spielt sie mit ihren Händen. Das Haar, rotblond, ist das Versteck für ihr Gesicht. „Ich lebe allein“, sagt sie. „Ich dachte, jetzt wirst du nie wieder jemanden küssen können, jetzt faßt dich keiner mehr an. In dieser Stimmung hier läuft jeder vor dir weg. Zum Glück habe ich Freunde in Hamburg. Ich weiß nur noch nicht, wann ich gehe.“

Thomas kommt gerade vom Arzt. Der hat ihn erst einmal aufgeklärt, daß seine Krankheit die Gemeinschaft der Versicherten noch mindestens 200 000 Mark kosten wird. Die Frau beim Sozialamt hat den Arbeitslosen vorher trocken informiert, Anspruch auf die hundert Mark zusätzlich für gesunde Ernährung habe er erst, „wenn die Krankheit bei Ihnen auch richtig ausgebrochen ist“.

„Das reicht mal wieder für heute“, sagt Thomas. Daß er zwölf Jahre lang Drogen genommen hat, wegen Dealerei im Knast saß, daß seine Freundin tödlich verunglückt ist und daß er schon viele Male „ein ganz neues Leben angefangen“ hat, sieht man dem schlaksigen, selbstbewußt wirkenden 27jährigen nicht an. Er strahlt die Ruhe eines Baumstammes aus. Aber: „Auf diese bayerische Politik habe ich eine solche Wut, daß ich jeden Aids-Terroristen sofort verstehen könnte. Statt unterstützt, werden wir verfolgt. So haben sie früher die Juden verfolgt. Von meinen Freunden traut sich keiner mehr, den Test zu machen. Meine Wohnung hier habe ich von einem gekriegt, der ist vor zwei Wochen nach Berlin abgehauen. Die können ja jetzt bei jedem Fixer jederzeit rein, um ihn zum Test abzuholen! Ich habe meine Sachen schon in Bielefeld. Wahrscheinlich ziehe ich nächsten Monat dorthin.“