Ein Rekordjahr in der Geschichte der Open-air-Konzerte

Von Roland Kirbach

Die Luft ist lau, es riecht nach frischem Gras. Zuweilen wehen Duftschwaden von der Pizzabude und vom Waffelbäcker herüber. Auf der Open-air-Bühne im Leverkusener Wuppermann-Park rockt gutgelaunt Herbert Grönemeyer vor 7000 Fans: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie ihr in den Magen fährt.“ Das Publikum jubelt. Yeah! Genau! „Wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergißt sie, daß sie taub ist.“ Ein Fan reckt begeistert seine Krücke im Takt empor. Über eine Stunde lang muß „Herbie“ Zugaben liefern. Die Leute seien fabelhaft gewesen, sagt er hinterher, noch außer Atem und völlig naßgeschwitzt. „Die sind nicht gleich von Anfang an so hysterisch gewesen, die haben erst im Lauf der Zeit aufgedreht. Das macht mehr Spaß.“

Der Rockstar mag die Konzerte in frischer Luft: „Die Leute sind ganz anders drauf. Open air ist wie ein Fest; Kinder sind dabei, man kann sich bewegen.“ Anders als in Hallen hätten Konzerte unter freiem Himmel nicht so sehr den Charakter von „Vorträgen“ In keinem anderen Land gebe es alljährlich zur Sommerzeit so viele Freiluftkonzerte wie in der Bundesrepublik: „Wir sind das absolute Konzertland Nummer eins“, meint er, und vermutet, es könnte mit daran liegen, daß die Jugendlichen hierzulande über ein bißchen mehr Geld verfügen als junge Leute in anderen Ländern.

Unermüdlich auf Tour

Dieses Jahr verspricht das „absolute Konzertjahr aller Zeiten“ zu werden. „Mir kommt es so vor, als wollten die sich für letztes Jahr revanchieren“, sagt Martin Brem, Redakteur der Fachzeitschrift Musik-Express/Sounds. Im vergangenen Jahr waren die meisten Konzerte ausgefallen. Die Rockgrößen aus den USA, die zum allergrößten Teil die Open-air-Feste hierzulande bestreiten, blieben fern – aus Angst vor Terroranschlägen des libyschen Revolutionsführers Ghaddafi. Hinzu kam die Furcht vor den Folgen des Atomreaktor-Unfalls in Tschernobyl. Aus Sorge, die Fans würden sich nicht ins Gras setzen wollen und vorsorglich lieber zu Hause bleiben, bliesen manche Veranstalter ihre Festivals wieder ab. Zu den wenigen herausragenden Konzerten, die dennoch stattfanden, zählten etwa das „Anti-WAAhnsinns-Festival“ in Wackersdorf oder „Rock am Ring“, das seit 1985 jährlich veranstaltete Pfingstspektakel auf dem Nürburgring. Doch dieses Jahr rocken sie wieder. Und das miserable Wetter bis Ende Juni tat der Musikbegeisterung keinen Abbruch. Zu Zehntausenden pilgerten die Fans in die Stadien und Parks – getreu dem alten Open-air-Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur ungenügende Kleidung. 70 000 kamen ins Müngersdorfer Stadion nach Köln, 60 000 zum Drei-Tage-Spektakel vor dem Berliner Reichstag (nicht gerechnet die Zuhörer jenseits der Mauer). Ebenfalls 60 000 strömten auf den Nürnburgring, der dieses Jahr sechzig wurde (Festival-Motto: „Sechzig Jahre und kein bißchen leise“), etwa 100 000 fanden sich auf der Trabrennbahn in München-Riem ein. Und der Festival-Sommer geht noch lange nicht zu Ende. Bis Ende September sind die Freilichtbühnen ausgebucht.

Dabei sind es immer wieder dieselben, wenigen Stars, die durch die Lande reisen. Die unermüdlichste ist Tina Turner, die mittlerweile 50jährige Rockerin, von der es heißt, daß sie sich im Herbst in Köln niederlassen wolle. Mit von der Partie ist der gleichsam seit Jahren unermüdliche Joe Cocker, der seit einiger Zeit auch ein Comeback in den Hitparaden feiert. Ferner auf Tour sind: David Bowie, die Eurythmics, Chris De Burgh, Bob Geldof, Iggy Pop sowie eine Reihe weniger bekannter Gruppen, denen die undankbare Aufgabe zukommt, als „Opener“ zu fungieren – als Aufwärmer, Stimmungsanheizer für die „Headliner“, die großen Stars, deren Namen auf den Plakaten fettgedruckt sind.