Greno – Werkstatt und Verlag in Nördlingen: Ein Haus der schönen Bücher saniert sich aus eigener KraftIkarus – gelandet.

Wie auch Erfolg einen Verlag in Gefahr bringen kann. Eine Abenteuer-Geschichte – und ein Gespräch mit Franz Greno von Rolf Michaelis

Von Rolf Michaelis

Von der „spannendsten Verlagsgründung des sich neigenden Jahrzehnts“ sprach im Januar noch das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels. Doch dann machte es der 1948 in München geborene Jung-Verleger Franz Greno, dessen Haus gleich im ersten Jahr von den deutschen Buchhändlern zum „Verlag des Jahres 1985“ gewählt worden war, erst richtig spannend: Wird Greno verkaufen? Wird Greno, dessen Bücher bei dem jährlichen Wettbewerb „Die schönsten Bücher“ der Bundesrepublik oft ausgezeichnet wurden, seinen Verlag einem der Buch-Konzerne ausliefern? Wird Franz Greno, mit fremdem Geld, selber den Schritt zum Massen-Fabrikanten von Lesegut tun?

Grenos Antwort auf alle Fragen aus der Gerüchte-Küche war überraschend, aber folgerichtig nach den Anfängen des gelernten Schriftsetzers und Herstellers, der in knapp zweieinhalb Jahren zum kleinen Großverleger geworden war: Greno macht alleine weiter. Und damit er dem Verlag die Unabhängigkeit wahren kann, besinnt er sich auf die Überlegungen, die zur Gründung geführt haben: „Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“, verkündeten im Herbst 1984 stolz der Drucker Greno und sein literarischer Berater Hans Magnus Enzensberger. Die Kunst, Inhalt und Form in der großen Tradition Gutenbergs zu einem schönen Ganzen zu verbinden, war eine Kampfansage an die immer liebloser gemachte und in immer größerer Zahl den Markt verstopfende Billig-Ware fast aller Verlage. Greno ist bei Georg Thieme in Stuttgart und bei Wagenbach in Berlin ausgebildet worden. Er hat in der Herstellungsabteilung des S. Fischer Verlages gelernt. In acht Jahren beim Vertrieb „2001“ hat er sich vom Hersteller zum Programmgestalter und Vertriebs-Spezialisten entwickelt. Jetzt konnte und wollte er als sein eigener Verleger Bücher machen. Wielands Werke in der vierzehnbändigen Ausgabe von 1828 nachgedruckt, gaben einen ersten Eindruck vom literarischen Niveau des neuen Verlages. Mit dem ersten Band der von Enzensberger herausgegebenen „Anderen Bibliothek“, Lukians „Lügengeschichten“, konnte Greno seine Idee vom gut gemachten Buch vorführen: individuelle Typographie in schönen Monotypen-Schriften, Buch-, nicht Offset-Druck – und das alles auch noch preiswert (25, seit Anfang 1987: 30 Mark). Flink sammelte Greno die als unmodern ausgemusterten Schriften und Matritzen, als die alten Druckereien vom Blei- zum Photo- und Computer-Satz übergingen. Seine Nördlinger Werkstatt ist die größte Offizin in Europa, die mit den alten Materialien und mit der alten Technik noch täglich arbeitet.

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Wenn man weiß, wie anspielungsreich der gebildete Autodidakt Greno arbeitet, der den ersten Band der „Anderen Bibliothek“ am 18. Januar 1985 herausgebracht hat, an dem Tag, da Arno Schmidt 71 Jahre alt geworden wäre, wird man im eben erschienenen, revidierten Editions-Plan für das zweite Halbjahr 1987 einige Titel und Erscheinungsdaten mit besonderem Vergnügen lesen. Das Jahr seiner ersten Krise beschließt der Greno Verlag mit der Untersuchung „Vom Ursprung der Henkersmahlzeit“, einem Band Hans von Hentigs in der Taschenbuchreihe. Trotzig geht es dann ins neue Jahr – unter dem Titel „Die Rechthabenden“, Reportagen aus der Justiz von Hanno Kühnert. Und daß er in diesen Tagen auch einen Band herausbringt unter dem Titel „Genie und Geld“, das ist dem Verleger Anlaß zu heimlicher Freude.

Wie der ins Büchermachen vernarrte Träumer über dem jähen, anhaltenden Erfolg die Realität der Betriebswirtschaft fast aus den Augen verlor, Verlag und Werkstatt in Gefahr brachte, beide jedoch aus eigener Kraft saniert hat, versucht ein Gespräch zu ergründen. Der leidenschaftliche Leser, ins Handwerk verliebte Drucker und arbeitswütige Büchermacher, der neben den Buchstaben nun auch die Zahlen ernst zu nehmen lernt, könnte Trost finden in dem Buch „Einige Brocken Verlegerlatein“, die sein Kollege Peter Schifferli gesammelt hat: „Es gehört zur Alchimie des Büchermachens, daß sich beim Umgang mit der Druckerschwärze die schwarzen Hände oft leichter vermeiden lassen als die roten Zahlen.“ Doch der Betrieb hat sich in kürzester Zeit in einer Weise vergrößert, daß ich sagen muß: Eigentlich hat der Erfolg den Verlag in Gefahr gebracht.

Einen Namen, einen Verlag bekannt zu machen, das hat früher zwanzig Jahre und mehr gedauert; also eine ganze Generation. Sagen wir mal Samuel Fischer oder Ernst Rowohlt oder Kurt Wolff – das brauchte seine Zeit, bis die im Bewußtsein der Öffentlichkeit, auch der Buchhändler etabliert waren. Das waren lange Phasen. Heute ist das anders. Wenn etwas nicht innerhalb kürzester Zeit im Bewußtsein der Menschen verankert ist – und das ist heute, wo einer den anderen mit neuen Medien überschreit, gar nicht leicht, kostet auch sehr viel Geld – dann ist es schon gescheitert. Wir haben ja sehr viel dafür getan – mit einem kostenlosen 32-Seiten-Magazin mit Bildern und exquisiten Texten zu jedem einzelnen Band der „Anderen Bibliothek“. Das war eine wunderbare Verbindung zu den Lesern. Aber zu welchem Preis ...

Wenn man dann innerhalb weniger Monate ein Programm hat mit weit über hundert neuen Büchern, von denen man viele nur noch aus der Beschreibung der einzelnen Lektorate kennen kann, dann fragt man sich rasch: war es das, was ich wollte?

Ich habe mich also eine Woche zurückgezogen, mit all den Zahlen, all den Inhalten, und bin zu dem Schluß gekommen: so kann das nicht weitergehen. So verspielst du nicht nur den ganzen Verlag, sondern wachst eines Tages im Schoß eines Konzerns auf, bist zwar reich, aber ohne Rechte, ohne Macht, nicht mehr verfügungsbereit. Meine Werkstatt, alles, was mir wichtig war und ist, wäre . wahrscheinlich hingeschmolzen unter diesem Wahnsinn, groß zu spielen. Und dieses „Groß-Spielen“ wird natürlich auch gefördert durch die Medien. Zu lange bin ich meinem Kindertraum gefolgt und habe mich vom Applaus einlullen lassen.

Man ist ja verführbar. Ich denke, ich war 35, als das so richtig losging. Ich hatte zwar schon eine relativ erfolgreiche Zeit als Büchermacher beim Versand „2001“ hinter mir, wo ich unter zu wenig Meriten nicht leiden mußte, aber da war es verdeckt, der Erfolg war nur angenehm. Jetzt war es anders. Jetzt mußte ich zum ersten Mal selber etwas aushalten, Erfolg aushalten. Alle schreien, alle klatschen Beifall, alle freuen sich. Der Zuspruch der Leserschaft war, wenn ich das an Briefen messe und an dem, was ich vorher im Verlagsgewerbe erfahren hatte, unvergleichlich. Also freut man sich. Sagt sich: da hast du eine Ader getroffen. Hans Magnus Enzensberger und ich – also: wir haben schon etwas bewirkt.

Aber, soweit habe ich immer rechnen können, wenn wir das so weiter machen, wird es zum Himmelfahrtskommando. Und womit? Mit nochmal einer Vielzahl von Taschenbüchern, mit noch mehr Paperbacks, nach denen niemand geschrien hat, die vielleicht niemand will, die ja ich selber nicht mehr lesen mag.

Sie wollen mir doch nicht erzählen, Erfolg hätte Sie dem Ruin nahegebracht Ich höre ständig die – verständlicheren – Klagen kleinerer Verlage, die Bankrott machen, weil sie, oft mit guten Büchern, eben keinen Erfolg haben.

Das ist es ja, was ich lernen mußte: auch zuviel Erfolg in zu kurzer Zeit, der dazu zwingt, den „Apparat“ aufzublähen, kann für einen Verlag gefährlich werden.

Mir klingt das zu sehr nach dem Chor der „Kleinen Spekulanten“, die Brecht in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ jammern läßt: „Wehe! Ewig undurchsichtig / sind die ewigen Gesetze / der menschlichen Wirtschaft!“ – Hatten sie denn keinen Menschen im Betrieb – oder bei der Bank – der rechnete, wenn Sie träumten, und auf die Bremse trat?

Doch, die hatte ich. Aber ich habe nicht auf sie gehört. Und weil wir Erfolg hatten – und ja nach wie vor haben – ging es eben immer eine Spirale weiter. Ich sage ja: es war (noch) kein Problem des Geldes, sondern des Bewußtseins. Ehe ich nicht bereit war, erst mir, und dann allen andern zu sagen: Nein, so war dieser Verlag nicht gedacht und so soll er nicht werden, war – bei dieser Konstruktion von Werkstatt und Verlag – nichts zu ändern. Wir haben alle, begeistert, immer mehr geschafft.

Und wie sieht es jetzt aus, nachdem Franz Greno „Halt!“ gerufen hat?

Der Verlag hat sich in kürzester Zeit einen großen Kreis von Freunden, hoffen wir: Lesern geschaffen. Die sollen nicht enttäuscht werden. Selbstverständlich wird „Die Andere Bibliothek“ unter ihrem Herausgeber Enzensberger weitergeführt wie bisher, mit einem Band monatlich. Und wenn wir so ein großes Projekt anfangen wie eine Werkausgabe von Karl May in 99 Bänden, die Hans Wollschläger und Hermann Wiedenroth herausgeben, möchte ich das auch fortführen.

Und natürlich geht die große Shakespeare-Ausgabe in der Fassung von Christoph Martin Wieland weiter und soll, bis 1992, abgeschlossen sein. Das ist mir wichtig, den Lesern von heute zu zeigen, wie die Deutschen vor zweihundert Jahren, wie also Goethe und Schiller, noch vor der dann berühmt gewordenen Übersetzung von Schlegel/Tieck, den Engländer kennengelernt haben. Es ist doch irrsinnig: bis vor kurzem war Wieland der am wenigsten bekannte Dichter der klassischen deutschen Literatur – und jetzt verkaufen wir von den „Lügengeschichten und Dialogen“ des Lukian von Samosata, einem Syrer, der 100 Jahre nach Christi Geburt in attischem Griechisch schrieb, in Wielands Übersetzung 20 000 Exemplare.

Was wird sich ändern?

Zum 1. Juli wurde die Firma getrennt in die „Werkstatt von Franz Greno“ (23 Schriftsetzer und Buchdrucker), die in Zukunft auch Fremdaufträge übernehmen wird, allerdings nicht von anderen Verlagen, und in den „Greno Verlag“ (20 Mitarbeiter). So kann das Haftungs-Risiko begrenzt werden. Die Verträge von sechs Mitarbeitern wurden geändert (Teilzeitbeschäftigung), bei anderen müssen die Gehälter dem Tarif angeglichen werden. Auf einer Betriebsversammlung habe ich alle Angestellten überzeugen können, daß niemand entlassen werden muß, und daß wir alle unser Auskommen haben, wenn wir in dieser Situation etwas zusammenrücken.

Das klingt ja optimistisch, als ob es beim „Gesundschrumpfen“ nicht auch Einbußen gäbe.

Die gibt es. Die im März begonnene Taschenbuchreihe „Greno 10/20“ wird monatlich nicht sieben, sondern nur vier Titel herausbringen, mit den Schwerpunkten bei der Karl-May-Edition und der von Henryk M. Broder und Hilde Recher herausgegebenen „Jüdischen Bibliothek“. Auch bei der im September 1985 begonnenen Reihe großer Paperback-Bildbände „Delphi“ wird es Abstriche geben.

Was mich am meisten schmerzt: das sehr aufwendige „Magazin“ das wir bisher zu jedem Monatsband der „Anderen Bibliothek“ kostenlos herausgebracht haben und das schon hohen Sammler-Wert genießt, muß aufgegeben werden. Dafür enthält jeder Band in Zukunft am Ende ein Dossier, das Autor und Werk vorstellt.

Ja, das ist ein Verlust. Das war ein Markenzeichen der „Anderen Bibliothekzugleich sachlich informierend und in der üppigen Ausstattung mit Text und Bild auf 32 Seiten der Schönheit, dem Luxus der Ausgaben entsprechend. Ist das alles, was der Leser, der Käufer von der Kostenrevision und der Programmkürzung mitbekommt?

Wir dürfen nicht mehr so unbekümmert planen, sondern müssen Folgekosten bedenken. Bisher waren alle Bände der „Anderen Bibliothek“ jederzeit lieferbar. In diesen Tagen erscheint aber bereits Band 31, die in Deutschland bisher vollständigste Ausgabe des französischen Schriftstellers und „Moralisten“ Nicolas Chamfort: „Ein Wald voller Diebe – Maximen, Charaktere, Anekdoten“. Da wachsen die Lagerkosten für jeweils 300 bis 400 Seiten Bleisatz gigantisch. Und wenn mal mehr als 35.000 Exemplare gedruckt sind, sind die Matritzen so abgenützt, daß wir das ganze Buch neu setzen müssen. Das geht nicht mehr, ohne den Verlag zu ruinieren.

Und nun haben Sie den Verlag nicht ruiniert, sondern saniert?

Ich habe im Erfolg Maß und Ziel verloren. Ich habe geglaubt, man könnte die Gesetze der Betriebswirtschaft durch Einfälle überlisten – so wie ein Tennis-Spieler, der keine Rückhand beherrscht, die Bälle umläuft. Ich hab’ da schon ein paar Kunststückchen vollbracht in den letzten Monaten, habe mit einfachen Mitteln improvisiert – und hab’ Glück gehabt, vor allem mit Lektoren, Beratern, Herausgebern, die der Verlag sich außerhalb geschaffen hat: mit Enzensberger – der in Nördlingen zur Schule gegangen ist – in München; mit Petra und Uwe Nettelbeck in der Heide bei Hamburg, die die erste Ausgabe sämtlicher Werke von Karl Philipp Moritz herausgeben; mit Wollschläger in Bamberg – nicht nur für Karl May; mit Karl Heinz Roth in Frankfurt für die politischen Bücher; mit Broder in Jerusalem für die „Jüdische Bibliothek“; mit Jan Philipp Reemtsma in Hamburg, der Wielands Werke in Einzelausgaben herausgibt.

Die alle haben mir auch jetzt geholfen, haben mich auf den Boden zurückgeholt. Immer im Druck des Erfolges, war ich wie ein Irrer, der träumt, er hätte Flügel, und rennt immer weiter und sieht den Abgrund zwar, aber denkt: da flieg ich einfach drüber ...

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