Von Peter Tomuscheit

Nach vier Wochen gucken nicht einmal mehr die Fahrer irritiert. Sie hielten anfangs immer ein wenig erschreckt inne, wenn sie an der Empfangskabine wie gewohnt vorbeistürmen wollten und plötzlich einen Mann mit den Phonotypistinnen-Stöpseln im Ohr an der Schreibmaschine sitzen sahen.

Nun, diese Reaktionen sind mir nicht neu, schließlich mache ich das seit vielen Jahren von Zeit zu Zeit, und zwar nicht aus Emanzipationsgelüsten (wann nehmen Männer endlich traditionelle Frauenberufe in Beschlag?), sondern weil das Schreibmaschine-Schreiben eine der wenigen gewinnbringenden Fähigkeiten war, die man mir auf der höheren Handelsschule beigebracht hatte.

Dennoch sehe ich diesmal meinen Job mit anderen Augen. Vielleicht liegt das daran, daß ich mein Germanistik-Studium jetzt beendet habe und – ein wenig naiv vielleicht – nicht mehr damit rechnete, mir meine Brötchen ertippen zu müssen. Aber meine Bewerbung stieß in der deutschen Verlagslandschaft auf äußerste Zurückhaltung, um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen. Die meisten Antwort-Formschreiben versuchten außerdem, mir vorsichtig beizubringen, daß ich – zweiter Bildungsweg hin, zweiter Bildungsweg her – mit meinem wahrhaft biblischen Alter von nunmehr 32 Jahren das (wörtlich) „zulässige Höchstalter“ von 29 bereits überschritten habe. Darum bedauern sie, mir mitteilen zu müssen ...

Für Schreibmaschine und Textautomaten bin ich offenbar noch nicht zu betagt. Zum ersten Mal schreibe ich „nach Diktat“, also nicht Listen, Berichte, wissenschaftliche Arbeiten, sondern Geschäftsbriefe nach Ansage auf Mini-Cassetten.

Es ist eine gefährliche Arbeit. Hat man zum Beispiel einmal das Dictaphon laut gestellt, um über den Lautsprecher zusammen mit einer Kollegin das lustlos Dahingebrabbelte zu entschlüsseln, kann man anschließend schon mal vergessen, den Lautstärkeregler wieder zurückzudrehen, und so über die Kopfhörer seine Ohren einem Härtetest unterziehen. Pro Tag vergißt man es allerdings höchstens einmal.

Nach den ersten zwei Wochen habe ich so geschwollene Fußknöchel, daß sich das Hinken schon wieder beidseitig ausgleicht. Der Arzt diagnostiziert: Sehnenentzündung; vermutete Ursache: die Bedienung des Dictaphon-Fußpedals und das Einklemmen der Beine unter dem Schreibtisch. An Krankschreibung ist bei einer eintägigen Kündigungsfrist nicht zu denken.