Über den Wunsch nach authentischen Gedenkstätten und die Liebe zu Ruinen

Von Karl Markus Michel

Was tun mit dem ausgestorbenen Spandauer Gefängnis – abreißen oder erhalten? Die Briten haben schon darüber verfügt, und der örtliche Bürgermeister ist’s zufrieden, er will keinen Wallfahrtsort für alte und neue Stellvertreter. Auch anderswo rückt altes Gemäuer in den Blick, wenn die öffentliche Hand es abräumen will; dann wird um seine Erhaltung gestritten. Zum Beispiel in München, wo die frisch entdeckten Renaissance-Arkaden am Hofgarten der neuen Staatskanzlei im Wege stehen; oder in Frankfurt, wo Bagger kürzlich am Börneplatz Fundamente der alten Judengasse zutage förderten und vermutlich schlucken werden; oder in Bonn, wo der Plenarsaal des Bundestages abgerissen und verändert wieder errichtet werden soll. Und aus Köln kommt der merkwürdige Vorschlag, die letzten Baulücken pfleglich zu behandeln, als kostbare Relikte der Bombenschäden aus finsterer Zeit. Eine Welle des Gedenkens geht über das Land, fast alles kann uns zum Mahnmal werden, besonders dann, wenn es bislang unbeachtet geblieben war oder als Schandfleck galt. Die Bedingung ist nur, daß es sich begehen und anfassen läßt.

Dieses Phänomen hat noch keinen Namen. Man könnte es Topolatrie nennen, entsprechend der Idolatrie, dem Bilderdienst. Oder man könnte, in Anlehnung an die modische Begriffsbesetzung, von Ortsbesetzung reden. Ob Ort oder Begriff: in beiden Fällen geht es um Aneignung, die Inbesitznahme eines Topos durch einen schweifenden Sinn, der damit gleichsam Platz nimmt, wie ein Geist in der Flasche. Der Geist wird seßhaft, aber auf Widerruf. Wer ihn dahingesetzt hat, kann ihn auch wieder zurückrufen; dann ist der Begriff leer, der Ort verlassen, bis ein anderer Sinnstifter kommt. Denn der Sinn ist immer der, der ihn stiftet.

Was da geschieht, läßt sich am besten durch sein Gegenteil illustrieren: Topolatrie ist die vom Kopf auf die Füße gestellte Utopie. Die letztere war vor zwanzig Jahren bei uns im Schwange, geriet dann aber sehr in Verruf, selbst bei denen, die auf sie geschworen hatten. Auch sie hatten sich auf Vergangenes berufen, aber nicht voll Wehmut, nein, mit Wut; die Erinnerung war damals, um im Bilde zu bleiben, kein Ruheplatz, eher ein Sprungbrett. Man strebte woanders hin, in ein Nirgendwo, ein besseres Morgen. Um diesen Willen zu begründen, bedurfte es der Theorie. Sie sollte das richtige Leben entwerfen, indem sie das falsche erklärte, notfalls auch wegerklärte. Anders gesagt: Der Sinn machte sich auf den Weg. Aber er lief uns davon. Wir blieben fußlahm zurück und gingen in uns. So lernten wir das Eingedenken. Dazu benötigten wir keine Theorie, denn wir besetzten ja nicht mehr die Zukunft, sondern die Vergangenheit, oder nicht einmal sie, sondern nur das, was von ihr übriggeblieben, was begehbar und anfaßbar ist. Wir brauchen die sinnliche Gegenwart, sonst verliert sich uns alles im Nebel des Einst. Geschichte soll ein Erlebnisraum sein, ein Disneyland.

Folklore des Gewesenen

Zum Beispiel die Überbleibsel der Folterkammern auf dem Gestapo-Gelände in Berlin. Dort herrschten nach dem Krieg – wie an so vielen Orten verleugneten Terrors – die Abrißbirne und die Planierraupe; und dann das Vergessen. Niemand wäre damals auf den Gedanken gekommen, aus den Ruinen des Prinz-Albrecht-Palais ein Museum des Grauens zu machen. Erst vor wenigen Jahren entstand der Plan, hier ein Mahnmal zu errichten. Aber es kam nicht dazu. Denn das, woran gemahnt werden sollte, entzog sich der erwünschten Versinnlichung, um so mehr, als die Stätte des Gedenkens (nach dem Willen des Senats) zugleich der Erholung dienen sollte. Doch die unlängst freigelegten Gestapo-Zellen scheinen dieses Bedürfnis zu befriedigen. So, als hätte man die Ungeheuerlichkeit und Maßlosigkeit des faschistischen Terrors nun endlich kleingekriegt, auf die Maße der subjektiven Betroffenheit zurückgestutzt: Man kann diesen Ort begehen, ähnlich wie der Kanzler ständig irgend etwas begeht, die Walstatt von Verdun, den Friedhof von Bitburg, das Konzentrationslager von Bergen-Belsen ...