Bemerkenswert an der heutigen Ortsbesetzung ist aber weniger ihr modisches als ihr atavistisches Gesicht. Zum Ausdruck kommt darin ein folkloristisches, fast ein mythisches Verhältnis zum Gewesenen. Alles mythische Denken ist ortsbezogen. Wo Götter, Heroen oder Dämonen mit den Menschen in Berührung kamen, erscheint der Boden geweiht oder verflucht; also wird ein Mal errichtet, ein Altar, eine Kultstätte. Was einmal dort geschah, geschieht immer wieder. Die Zeit, heißt das, bildet Wirbel, keinen Strom. In dieser mythischen Tradition steht auch noch die Volkskultur der neueren Zeit: Ihr Erinnern ist an Orte gebunden oder an wiederkehrende Termine im Kreislauf der Jahreszeiten. Erst die Aufklärung mit ihrer Idee des Fortschritts, der Modernität, hat die Erinnerung gewissermaßen entwurzelt, hat das Denken und Gedenken verallgemeinert, so daß es sich von Orten und Terminen lösen, in der Zeit entfalten konnte.

Wenn man nun Denkmäler errichtete, wollte man weniger ein bestimmtes lokales Ereignis verewigen als auf eine allgemeine Bedeutung verweisen. So hat sich zum Beispiel um 1800 das berühmte Grabmal Rousseaus in privaten Gärten vervielfacht, wie hundert Jahre später das Standbild Bismarcks auf öffentlichen Plätzen. Diese Mäler waren Vermächtnisse, sie mahnten an uneingelöste Versprechen, erinnerten an die Zukunft.

Seit wir die Zukunft nur noch als Furie des Verschwindens denken können, den Fortschritt nur als technologischen Zwang, die Moderne ab drohenden Ruin erfahren, scheint das Denken und Gedenken wieder stationär zu werden. Es heftet sich an Orte und Termine, es versinkt in Folklore. Daß es gute Gründe dafür gibt, nicht allein die rührenden Relikte des Fortschritts zu konservieren, sondern auch die verruchten Stätten der Barbarei unter dem Schutt des Vergessens freizulegen, versteht sich. Was sich weniger versteht, ist die Verkürzung unseres Bewußtseins auf Orte, in denen der Sinn nisten soll, ein Sinn, der uns von den Wendepredigern als Ersatzreligion, von den Zeitgeistlichen als Mythos angedient wird. Es wäre das Ende der Geschichte, in deren Namen jene Ortsbegehungen erfolgen.

Daß wir einen Denkmalschutz brauchen, um der Kultur nicht ebenso mitzuspielen wie der Natur, ist schlimm genug. Schlimmer aber ist, daß wir Denkmäler brauchen, um unsere Geschichte, und selbst die jüngste, die schrecklich einzigartige, überhaupt noch fassen zu können – als Legende. In diesem Haus wurde X geboren, in jenem ist Y gestorben, und hier versteckte sich einmal Z vor den Schergen. Mit diesem Turm wurde früher Kohle gefördert, in jenem Keller wurden Menschen gefoltert, und auf dem Felsen dort saß die Loreley, während von dem Nachbarfelsen der Teufel sprang, man sieht noch den Abdruck des Pferdefußes, Warum nicht auch Stammheim unter Denkmalschutz stellen, als einen legendären Ort? Dort brauchte man nicht einmal Bäume zu pflanzen, wie es für andere Gedenkstätten angeregt wurde, zum Beispiel für die Judengasse in Frankfurt und das Gestapo-Gelände in Berlin, um die dürftigen Reste aus großer deutscher Zeit nun endlich der Natur zu überantworten, die zeitlos ist.

Geschichte als Feindesland

In Doha, der Hauptstadt des Ölstaates Katar am Golf, steht ein Nationalmuseum. Eines der ehrwürdigsten Ausstellungsstücke ist ein Cadillac von 1940, der erste, der in Katar fuhr. Er markiert den Beginn der nationalen Geschichte. Jenseits dieser Erinnerungsgrenze versinkt alles in mythischer Zeitlosigkeit. Ob 50 oder 5000 Jahre alt: es ist Legende, undatierbar. Bei uns reichen die Datierungen weiter zurück als in Katar. Aber unsere bewußte Geschichte setzt zehn Jahre später ein. Deshalb errichten wir jetzt so emsig Gedenkstätten, Mahnmäler, historische Museen: Orte, wo wir im Fußmarsch Geschichte besetzen können, wie Feindesland. Aber das Spandauer Gefängnis muß weg. Denn das tausendjährige Reich mit seinem Führerkult überlebte nicht bis 1987. Das zu behaupten und zu begehen wäre ein falscher Kult.