Nicht so sehr als Superstar wie beim ersten Besuch 1979, sondern als eher bedächtiger Moralprediger ist der Papst in den ersten Tagen seiner zweiten Reise in die Vereinigten Staaten aufgetreten.

Zu scharfen Konfrontationen, die sich aus den liberalen und antirömischen Tendenzen im amerikanischen Katholizismus hätten ergeben können, war es bis Dienstag nicht gekommen – zur Enttäuschung der 18 000 akkreditierten, fast nur auf einen offenen Streit lauernden Reporter. Hunderttausende der 53 Millionen amerikanischer Katholiken (die meisten am Fernsehschirm) begleiteten die Reisestationen, die Johannes Paul II. in Florida, South Carolina, Lousiana, Texas und Arizona wie stets im Eiltempo hinter sich brachte.

Doch nur sanft berührten ihre Sprecher die strittigen Themen von Kirchendisziplin und -moral, und entsprechend behutsam tat es der Papst. Was etwa die Medien bei abnehmendem Interesse als „päpstliche Verurteilung außer- und vorehelichen Geschlechtsverkehrs“ zu Schlagzeilen macht, war im Text einer langen Predigt vor der Jugend von New Orleans dieser eine Satz: „Jesus und die Kirche legen euch Gottes Plan für die menschliche Liebe nahe und sagen euch, daß Sex eine große Gottesgabe ist, die der Ehe vorbehalten ist.“

Nachdem der Papst bei der Ankunft Amerika als Land der Freiheit gepriesen hatte, machte er dann immer wieder auf die sozialen wie sittlichen Grenzen der Freiheit aufmerksam, redete der Wohlstandsgesellschaft ins Gewissen, setzte sich für die Armen ein, für die Rechte der Schwarzen und der mexikanischen Einwanderer. „Es wäre eine große Tragödie für die ganze Menschheit, wenn die Vereinigten Staaten, die so stolz auf die Freiheit sind, die Sicht für die wahre Bedeutung diese Wortes verlieren würden.“

Schon nach der Landung in Miami wir es dem Papst bei einer Begegnung mit amerikanischen Juden gelungen, deren Groll über den Waldheim-Empfang im Vatikan halbwegs zu besänftigen. Zwar beharrte er nach wie vor auf dem Heimatrecht der Palästinenser genauso wie auf dem Existenzrecht Israels, doch heftig verurteilte er Holocaust und Antisemitismus, deren „geschichtliche Wurzeln“ in einem kirchenamtlichen Dokument dargestellt werden sollen.

Auch die christlichen? Ein historisches Sündenbekenntnis für seine Kirche brachte der Papst in Miami so wenig wie vorher über die Lippen, obschon er seine amerikanischen Katholiken immer wieder ermahnte, niemand – auch nicht die Priester – dürfe das Beichten vergessen. Hansjakob Stehle