Von Irmgard Bayer

Die Stimmung war ausgesprochen hitzig an jenem Sommertag in Wien. Rund siebenhundert Mitarbeiter des staatlichen Aluminiumkonzerns „Austria Metall AG“ (AMAG) demonstrierten vor dem Bundeskanzleramt am Ballhausplatz. Ihr Unmut richtete sich gegen eine Entscheidung der Regierung. Die hatte kurz zuvor den Neubau einer Aluminiumschmelze am Standort des AMAG-Werkes im oberösterreichischen Ranshofen abgelehnt. Die bestehende Aluminiumschmelze muß aus Umweltschutzgründen geschlossen werden, 1500 Beschäftigte bangen um ihren Arbeitsplatz.

Mehrere Stunden wartete die Menge vor dem Bundeskanzleramt, dann forderten die Demonstranten lautstark, daß sich Rudolf Streicher, der Minister für die verstaatlichte Industrie, ihnen stellen sollte. „Fünf Minuten geb’n mir dir no, dann fahr ma mit dem Auto die Tür z’samm“, klang es bedrohlich zu Streicher hinauf. Mit dem Hinweis „Ich bin nicht feig“ ging der Minister darauf gegen den Rat seiner Sicherheitsbeamten hinaus. Streicher mußte allerdings sehr rasch das Fürchten lernen. In der überhitzten Stimmung wurde er angeschrien, angerempelt und schließlich ans Schienbein getreten. Unter Polizeischutz und mit eisener Miene trat er den Rückzug in das Gebäude an.

Nach dieser Attacke war die Betroffenheit groß, etwas Derartiges hatte es angesichts der vielgerühmten österreichischen Sozialpartnerschaft vorher noch nicht gegeben. So hieß es, einzelne radikale kommunistische Gruppen hätten sich unter die AMAG-Abordnung gemischt.

Schon am Tage darauf mußten alle Beteiligten zur Kenntnis nehmen, daß die Tritte gegen den Minister kein bedauerliches Einzelereignis bleiben sollten. Der Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Anton Benya, wurde auf einer Versammlung in Linz von SPO-Betriebsräten und Funktionären seiner eigenen Partei regelrecht ausgebuht. Nur mit großer Mühe konnte der 74jährige Benya unter einem Pfeifkonzert aufgebrachter Gewerkschafter seine Rede beenden. Dem alten Herrn an der Gewerkschaftsspitze, der in diesem Herbst den Vorsitz abgeben wird, wurde vorgeworfen, das Aus für die Aluminiumschmelze in Ranshofen mitverschuldet zu haben.

Einzelne Betriebsräte in der verstaatlichten Industrie scheinen die Nase voll zu haben von Konsens und Verständigung. Weil in diesem Herbst Tausende von Kündigungen in der Staatsindustrie und härter. Bisher war es politischer Brauch in Österreich, über alle Maßnahmen in den staatlichen Betrieben so lange zu verhandeln, bis sich auch die Belegschaftsvertreter damit einverstanden erklärten. Das hatte verwässerte Konzepte zur Folge, die durchweg versagten. Jetzt sind die finanziellen Möglichkeiten des österreichischen Staates erschöpft, seinen Sorgenkindern in der Industrie unter die Arme greifen zu können. Überdies versucht eine neue Generation von Managern mittlerweile Härte und Konsequenz zu beweisen.

„Es fehlt bis jetzt das Erfolgserlebnis, daß durch diese Maßnahmen auch nur ein Betrieb in die Gewinnzone gebracht worden wäre“, beschreibt Metallgewerkschafter Rudolf Nürnberger die schwierige Lage, in der sich Betriebe und Belegschaftsvertreter befinden. Es ist nun schon fast zehn Jahre her, daß sich die ersten Krisenerscheinungen in Österreichs Staatsindustrie zeigten, aber die Wende zum Besseren wurde bisher immer nur versprochen und noch nirgends erreicht.