Manchmal nimmt man ein Buch in die Hand, weil es sich gut anfühlt und schön ausgestattet ist. Manchmal liest man ein Buch, obwohl es gar nicht auf der Leseliste steht. Man fängt zum Beispiel an, dieses Buch zu lesen, und ehe man sich versieht, ist man drin in einer ungewöhnlichen Geschichte, die, was ihre Ungewöhnlichkeit erhöht, gegen alle Regeln des herkömmlichen Romans erzählt wird.

Gegen alle Regeln: Weil die Geschichten, die der Ich-Erzähler erlebt, untereinander keinen Zusammenhang haben außer dem, daß er sie erlebt. Und weil sie zweitens seltsam pointenlos sind, so wie auch die wirklichen Geschichten zumeist keine Pointe haben.

Denn die Pointe, also die Quintessenz oder Moral einer Geschichte, ist ein literarischer Trick. Der literarische Trick von George Borrow besteht darin, daß er seine Geschichten erzählt, als wären sie wirklich.

Wirklich bedeutet nicht: normal. Denn „Lavengro“ schildert, wie einer zum Außenseiter wird und damit zu seiner eigentlichen Bestimmung findet. Der Held entstammt einer mittleren und spießigen Offiziersfamilie im England des 19. Jahrhunderts. Früh schon entwickelt er eine Neigung fürs scheinbar Abstruse und Abgelegene. Er freundet sich mit Zigeunern an, lernt ihre Sprache und Zaubersprüche. In der vorgezeichneten Laufbahn eines Anwalts scheitert er, weil er es vorzieht, sich autodidaktisch dem Studium fremder Sprachen zu widmen. Als Übersetzer und Schriftsteller schlägt er sich mühsam in London durch, begegnet bizarren Figuren, erlebt seltsame Dinge, zieht schließlich als Kesselflicker durch die Lande, ein Aussteiger, ein Alternativer vor deren Zeit.

Es geht ihm etwa wie dem Hans im Glück. Seinen unzweifelhaft vorhandenen Gaben zum Trotz sinkt er, sozial gesehen, immer tiefer und fühlt sich trotzdem wohl. Dennoch ist er nicht der reine Tor. Eher einer, der geduldig hinsieht und geduldig Mißgeschicke erfährt, die ihm nicht wirklich etwas anhaben können. Also der geborene Dichter.

Der Roman endet mit einer schönen Liebesgeschichte, von der alle Beteiligten, einschließlich des Lesers wissen, daß es eine Liebesgeschichte ist. Nur der Held weiß es nicht. Als er es merkt, ist es zu spät. Er findet den Abschiedsbrief der Geliebten: Sie will nach Amerika, ohne ihn, den Verträumten, den Untüchtigen, den Phantasten, der so vieles weiß und doch nichts weiß.

So wird er denn seine Wanderschaft wieder aufnehmen müssen. Auch diese letzte Geschichte endet wie alle vorherigen, ohne Ende. So wie die Geschichten, die man erlebt, ja auch nie einen wirklichen Schluß haben.