Von Manfred Sack

In Ulm bahnte sich etwas an, das nach den deprimierenden Erfahrungen von hundert Jahren schon ganz und gar für unmöglich gehalten wurde, nämlich dem unansehnlichen, als Parkplatz entstellten, ungegliederten Platz vor dem spätgotischen Münster endlich eine würdige räumliche Fassung zurückzugeben: in Gestalt eines mit der berühmten Kathedrale eigenartig korrespondierenden Gebäudes, dessen Aufsehen erregender Entwurf in einem ebenso Aufsehen erregenden Wettbewerb ermittelt worden war.

Sämtliche Fachleute und Sachkenner, die darüber zu entscheiden oder ein Wort mitzureden hatten, waren sich diesmal vollständig einig. Alle Gemeinderatsparteien stimmten dafür, die Sozialdemokraten und die Freie Wählergemeinschaft, die christlichen Demokraten ebenso wie die Grünen, die obendrein so dezidiert wie niemand sonst versprachen, „alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um dazu beizutragen, daß die städtebauliche und architektonische Entscheidung ohne Substanzverlust durchgesetzt wird“. Auch der Landesdenkmalrat und der Landeskonservator stimmten zu, der Denkmalrat von Ulm, der Münsterbaumeister, der Evangelische Gesamtkirchengemeinderat (mit 59 gegen 1). Sogar 29 Ulmer Architekten gratulierten ihrer Stadt öffentlich „zu dem überzeugenden Ergebnis des Münsterplatz-Wettbewerbs“. So fühlte sich Anfang Dezember die Südwest Presse zu der frohgemuten Schlagzeile animiert: „Finale einer unendlichen Geschichte“.

Schade. Es war eine Täuschung. Nachdem die Politiker der geradezu emphatischen Ermutigung durch alle von ihnen zu Rate gezogenen Sachverständigen gefolgt waren und beschlossen hatten, den New Yorker Architekten Richard Meier mit der Korrektur des Münsterplatzes und der Errichtung eines Ausstellungsgebäudes an seiner Peripherie zu beauftragen, begann es im Ulmer Volk zu rumoren – merkwürdig spät, aber nicht zu spät. Der 1899 gegründete Erhaltungsverein Alt-Ulm, vertreten durch seinen Vorsitzenden, den sechzigjährigen (Justiz-)Amtsrat Hellmut Pflüger, nutzte die letzte Frist und erzwang schließlich mit über neunzehntausend Unterschriften ein störrisches Intermezzo. Er machte die Sache des Gemeinderates zu einer der Allgemeinheit. Am 20. September haben alle stimmberechtigten Bürger Ulms Gelegenheit, dafür oder dagegen zu stimmen. Machen ein Drittel von ihnen, etwa 22 000, ein Nein-Kreuz, wäre der Ratsbeschluß hinfällig – und alles bliebe, wie es ist: der Münsterplatz so unansehnlich wie jetzt, der Verkehrspavillon am Südrand so ungeliebt wie je, an der Seite die parkende Elefantenreihe der Touristenbusse und andere Autos – aber der Blick auf das Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt wäre so scheinbar ungetrübt wie jetzt. Die „unendliche Geschichte“ wäre wieder ohne Finale.

*

Wie seit dem Jahre 1875. Damals hatte man damit begonnen, den 162 Meter hohen Turm endlich zu errichten. Ende des 15. Jahrhunderts war es nicht dazu gekommen, weil man seinen Einsturz befürchtet und den Baumeister Matthäus Böblinger davongejagt hatte. 1890, ein Jahr nach dem Eiffelturm in Paris, war der Münsterturm zu Ulm vollendet: neben dem Ingenieurstriumph hatte sich die Gegenwart noch rasch einen gotischen geleistet. Um seinen Anblick nun auch ordentlich genießen zu können, schaffte man kurzerhand Platz und legte den ganzen Komplex des Barfüßerklosters nieder. Kaum jedoch hatten die Ulmer angefangen, sich an die Weite des Platzes zu gewöhnen, empfanden viele sie auch schon als Leere.

Was Wunder: es gehört zur mächtigen Wirkung monumentaler Bauwerke des Mittelalters, daß sie aus dem Gedränge der Stadt mit wuchtiger Plötzlichkeit aufsteigen, nachdem man sich ihnen allmählich genähert, sie abgeschritten und wie ein kinetisches Kunstwerk erlebt hat. Wie auch, die „unendliche Geschichte“ nahm ihren Lauf – oder, wie der Akademische Rat Gerhard Niese im Architekten schrieb: „ein beispielloses Trauerspiel gescheiterter Ideen- und Bauwettbewerbe“.