Von Birgit Schwarz

Das sind doch Illegale!“ Der Büroleiter hat sich aus seinem Sessel erhoben. In seinem Blick liegt Feindseligkeit. Grundrißzeichnungen und Gemälde weißer Appartementblocks weisen sein Büro am Rande eines Seouler Wohngebiets als das einer Baufirma aus.

Ein Blick auf überdimensionale Holztafeln an der Spitze des Hangs verschafft Gewißheit: „Changsin-Dong, Sanierungsgebiet 123, Bauunternehmen: Ssangyong“ – ein südkoreanischer Spitzenkonzern und einer der größten Zementproduzenten der Welt. Noch zu Beginn des Jahres wohnten knapp 5000 Menschen in Changsin-Dong, heute sind es wenig mehr als 1000. Seit das Viertel im Februar offiziell zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, gaben die meisten Hausbesitzer dem Druck der Baufirma nach, nahmen Abfindungen an und räumten ihre Häuser. Auf der Strecke blieben jene, die ihre wenigen Quadratmeter nicht ihr eigen nennen konnten: die Mieter. Ihnen wurde das Dach buchstäblich über dem Kopf eingerissen. Seitdem leisten sie Widerstand. Gegen Abbruchkommandos und Schlägertrupps, gegen Regierung und Stadtplaner, kämpfen sie – rechtswidrig – um das Recht in Armut zu leben.

Endstation der U-Bahnlinie vier im Nordosten Seouls, in einem anderen Sanierungsgebiet. Erhaben thront der langgestreckte Aluminiumbau auf seinen Betonstelzen – Symbol für Fortschritt und Moderne. Um ihn herum ist wüstes Land: Sanggyedong. In zwanzig Jahren hatten rund 1500, aus dem Stadtkern der aufstrebenden Metropole zwangsausgesiedelte Familien den Flecken in ein lebhaftes Viertel verwandelt. Im Frühjahr trieben Polizei und Abbruchkommandos auch die letzten von ihnen aus ihren bereits halbzerstörten Häusern und Notbehausungen. Ein zwölfjähriger Junge wurde von einstürzenden Mauern erschlagen, das Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Jetzt verheißen auch hier Plakatwände, was an seiner Stelle entstehen soll: uniforme, säuberlich neben- und übereinander geschachtelte Wohneinheiten aus Stahl und Beton. Fünf Sanggyedong-Bewohner zahlten ihren Kampf gegen Schaufelbagger und Räumungsbefehle mit dem Leben, ganze 35 Familien hielten ihn durch bis zum Schluß. Mitten im Herzen Seouls, im Schutze der Myongdong-Kathedrale, schlugen sie demonstrativ ihre Zelte auf. Seit vier Monaten leben sie hier unter zwei riesigen, blau-weiß gestreiften Plastikplanen – ein unübersehbarer Fingerzeig auf eine mit Macht und nicht selten mit Brutalität vorangetriebene Sanierungspolitik.

Mitte August: Ermutigt durch die „Demokratisierungserklärung“ vom Vorsitzenden der Regierungspartei Roh Tae Woo haben sich 60 Menschen zu einer Sitzblockade vor den Toren der Parteizentrale versammelt. Sie protestieren gegen das, was sie Zwangsvertreibung nennen. 130 Häuser ihres Wohngebiets stehen auf der Abbruchliste. Das Viertel, Chunggye-Dong, liegt in unmittelbarer Nähe der olympischen Schießstände.

Die Menschen von Changsin-Dong, Sanggyedong oder Chunggye-Dong gehören zu den Randgruppen des Wirtschaftswunderlands Korea. Doch sie sind keine Ausnahme. 192 Wohngebiete in und um die Stadt der Olympiade 1988 sind zur Sanierung ausgeschrieben. 81 000 Häuser und 800 000 Menschen werden weichen müssen, sagt die Stadt. Kirchenkreise sprechen dagegen von 235 betroffenen Gebieten und 3,5 Millionen Menschen, ein Drittel aller Seouler Bürger, denen die Zwangsräumung ins Haus steht. Das Ziel, so die Seouler Stadtplaner, sei, besseren Wohnraum für mehr Menschen zu schaffen. Allein im letzten Jahr seien 70 000 neue Appartements entstanden.

Jesuitenpriester John Daly, für seine jahrelange Arbeit mit verarmten Stadt- und Slumbewohnern im letzten Jahr mit dem asiatischen „Friedensnobelpreis“, dem Magsaysay-Preis ausgezeichnet, widerspricht. Die eigentlichen Bewohner der Sanierungsgebiete seien vom öffentlichen Modernisierungsprogramm ausgeschlossen. Spekulation treibe die Miet- und Bodenpreise derart in die Höhe, daß die Tagelöhner und Straßenkehrer, Handwerker und Bauarbeiter aus der Stadt in noch ärmlichere und dichter besiedelte Außenbezirke abgedrängt würden, während in den zur Sanierung ausgeschriebenen Gebieten zwar mehr Wohnraum entstehe, jedoch für weniger und vor allem wohlhabendere Menschen. „Hausbesitzer werden,zu Mietern, Mieter zu Obdachlosen und Seoul zur zweigeteilten Stadt“, meint Daly, „die Außenbezirke gehören den Armen, der Stadtkern der aufstrebenden Mittelklasse.“