Von Roland Kirbach

Düsseldorf

Im Mittelpunkt steht „der Bürger“, betont der Architekt Professor Fritz Eller immer wieder. Der Bürger, so muß man sich vorstellen, wird den Bus aus allen Landesteilen herangekarrt und hier, im leicht ansteigenden Eingangshof, Gebäuden werden. Schon bei der Ankunft wird der „wie ger merken, daß dies den Haus ist: Zwei Gebäudeflügel mit Abgeordnetenbüros umschließen „wie große Blütenblätter“ den mittendrin; und nehmen den Bürger in Empfang. Ehe er es recht gewahr wird, steht er schon mittendrin; und alles, so wird er denken, hat nur auf ihn gewartet.

Die lichte Eingangshalle ist nach oben über vier Geschosse hinweg offen und bietet überallhin freie Sicht: auf den Besucher-, den Informations- wie den Empfangssaal, auf die Räume der Parlamentsausschüsse und die wissenschaftliche Bibliothek mit der Informationstheke, wo der Bürger alle parlamentarischen Protokolle und Arbeitspapiere bekommen kann. Ein überdimensionaler gläserner Aufzug mit Platz für jeweils eine Omnibusbesatzung gewährt Einblick in den Plenarsaal. Ungehindert soll der Souverän sehen können, wie der von ihm frei gewählte Abgeordnete die Regierung kontrolliert. Rund 90 000 Besucher jährlich werden hier Rund 90 000 Besucher jährlich werder hier künftig erwartet; zur Zeit sind es 30 000 im Jahr. Statt 100 Plätze wie bisher wird die neue Besuchertribüne 330 Plätze haben. Was hier entsteht, ist „ein Haus für 17 Millionen Bürger“, wie der Titel einer Vierfarbbroschüre lautet. Es „verspricht Offenheit und Transparenz“, heißt es da; „es folgt in Konstruktion und Anlage einem Staatsverständnis, das nicht imponieren, sondern informieren und überzeugen will“. Die Architekten, das Düsseldorfer Büro Eller, Maier, Walter + Partner, nennen ihr Werk schlicht „gebaute Demokratie“.

Das neue Gebäude des nordrhein-westfälischen Landtags, an dem seit nunmehr fünf Jahren gebaut wird und das im nächsten Jahr nach mehrmaligem Aufschub endlich bezugsfertig sein soll, ist der erste Parlamentsneubau in der Bundesrepublik. Die Domizile der anderen Volksvertretungen sind, zum Teil neugestaltete, historische Bauwerke – wie auch der bisherige Sitz des Düsseldorfer Parlaments. Seit 1949 sind die Abgeordneten aus Westfalen und dem Rheinland im sogenannten Ständehaus untergebracht. Es wurde 1881 nach den Plänen des ehemaligen Kölner Stadtbaumeisters Julius Raschdorff als Sitz des Ständeparlaments (Ritter, Städte, Grundbesitzer) der preußischen Rheinprovinz gebaut. Nach einem Bombenangriff 1943 brannte es bis auf die Außenmauern aus, nach dem Krieg wurde es mit einigen Veränderungen wieder aufgebaut.

Von Anfang an war das Ständehaus eigentlich nur als Provisorium gedacht. Denn ausreichend Platz hat es nie geboten. Mittlerweile verteilen sich der Plenarsaal, die Fraktionsräume, die Abgeordnetenbüros und die Landtagsverwaltung auf sieben verschiedene Gebäude in der Umgebung. Das ist unrationell. Das Land unternahm verschiedene Versuche, das Provisorium zu beseitigen; mal sollte das Ständehaus aufgestockt werden, mal sollte es um zwei Neubauten ergänzt werden. Vor allem gegen diese Ergänzungsbauten erhob sich jedoch massiver Protest, denn dem Plan hätte der historische Park mit dem Kaiserteich geopfert werden müssen.

Seit den sechziger Jahre wurde auch immer wieder ein Neubau an anderer Stelle diskutiert. Nachdem der Landtag sich Ende der siebziger Jahre dazu durchgerungen hatte, drohte das Projekt daran zu scheitern, daß keines der neun Grundstücke, die die Stadt Düsseldorf offerierte, so recht geeignet war. Schon sahen Köln und Essen die Chance, Düsseldorf als Landeshauptstadt abzulösen, und machten dem Land attraktive Grundstücksangebote. Da blieb der Blick der Planer auf dem Hafengrundstück südlich der Rheinkniebrücke hängen. Ein Gutachten kurz zuvor hatte ergeben, daß der Düsseldorfer Hafen immer unrentabler werde und daher schrumpfen müsse. Die Stadt legte den sogenannten Berger Hafen und den Zollhafen still, und mittlerweile entsteht auf dem einst unansehnlichen Industriegelände ein neuer Anziehungspunkt: Schon vor einiger Zeit wurde, gleich neben dem Landtagsneubau, ein neuer Fernsehturm mit einem Restaurant in 170 Meter Höhe in Betrieb genommen. Der WDR baut daneben sein neues Landesfunkhaus. Und daran anschließend soll ein Yachthafen entstehen. Verbunden wird das Ensemble durch einen mit Platanen bepflanzten Spazierweg direkt am Rhein.