Von Ivan Pfaff

Wenn man heute seine Schriften liest, von seiner Habilitationsschrift, 1881, bis zu seinen Kriegsmemoiren von 1925, ist man gefesselt durch die erstaunliche Modernität seiner Ansichten, ob er über allgemeine soziale Probleme spricht oder aber über den Sinn des menschlichen Lebens spekuliert, wo er sich in fundamentalen Fragen der Theologie, Philosophie und Soziologie deutlich als Vorgänger eines Barth, Jaspers, Heidegger, Sartre oder Fromm und Adorno erweist: Tomas Masaryk hat das moderne europäische Denken um mehr als ein halbes Jahrhundert vorweggenommen. Seine zweibändigen Werke „Die Sozialfrage“ (1898) und „Rußland und Europa“ (1913) gelten bis heute als unglaublich modern und unüberholt – das erste für jede seriöse Auseinandersetzung mit dem Marxismus, das zweite für jeden Slawisten und Osteuropa-Historiker oder Rußlandexperten.

Von seiner unvermindert aktuellen Schrift „Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Zivilisation“ (1881), dem „Grundbuch“ der tschechischen Soziologie, über die Studien zum Sozialismus, zur Religion, zur tschechischen und russischen Kulturgeschichte, über „Die tschechische Frage“ (1895) bis zu „Die Weltrevolution“ (1925) und Capeks „Gesprächen mit TGM“ (1936) kannte Masaryk eigentlich immer nur eine einzige Grundfrage, die er in tausend Abänderungen formulierte: die Frage nach der Wahrhaftigkeit und Authentizität des modernen Menschen. Er wurde bald als Positivist, bald als Gegner des Positivismus, hier als überzeugter Christ, da als Feind jeder Religion, als Freund wie auch als Widersacher des Marxismus und Sozialismus beschrieben. Doch die meisten Interpreten verkannten seine sokratische Grundhaltung und sahen nicht jene Philosophen, von denen er sich angezogen fühlte und die auf die tieferen Schichten seines eigentümlichen Denkens weisen: Sokrates, Augustin, Pascal, Kierkegaard, Hume und Comte.

Sein Name steht als Begriff für eine ganze geistige Epoche der tschechischen und europäischen Geschichte. Er war Weltbürger und ein großer Europäer; er bemühte sich, die einseitige Orientierung der tschechischen Kultur durch eine Hinwendung zur englischen und amerikanischen Philosophie und Literatur zu sich, deutschen“; er wurde politisch von der klassischen englischen parlamentarischen Demokratie und von der amerikanischen Theorie der Volksvertretung und Souveränität geprägt (seine Frau war Amerienglischen er war Sprecher einer ethisch stimulierten gesellschaftlichen und politischen Kritik des öffentlichen Lebens und ein unbarmherziger Streiter gegen die nationalen und nationalistischen Vorurteile, Legenden und Mythen, der sich nicht bereitfand, seine Unabhängigkeit durch eine ausgeprägte parteiliche Zugehörigkeit je aufzugeben – was ihm den Haß der Rechten wie der Linken einbrachte.

Sein tiefgreifendes Demokratieverständnis, sein wissenschaftlicher und kultureller Scharfblick und seine hohen moralischen Qualitäten machten Masaryk zu Recht zu einem „Führer der Generationen“ und seinen Einfluß auf das tschechische öffentliche Leben kann man kaum hoch genug ansetzen. Als Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift Athenaeum, seit 1883, und der kulturpolitischen Revue Unsere Zeit, seit 1893, bekämpfte er die Überbleibsel des Feudalismus, den katholischen Klerikalismus, den Antisemitismus und den Nationalismus jeglicher Schattierung. Masaryk, seit 1882 Professor der Philosophie in Prag, betätigte sich auch als Literaturkritiker und Ästhetiker; seine „empirische“, von Herbart unabhängige Ästhetik formulierte er 1884 in seiner Schrift „Über das Studium der Dichterwerke“; seine Arbeiten über Hus, Comenius und die tschechischen Autoren des 19. Jahrhunderts waren lange Zeit „meinungsbildend“ in der Diskussion über diese Autoren. Durch die Gründung seiner „Partei der Realisten“ (1900) versuchte er, gegen den Konservatismus der Alt- und Jungtschechen Prinzipien in das politische Leben einzuführen, die er während seiner mehreren Amerika-Reisen erkannt hatte.

Sobald Tomas Masaryk, der 1850 in Südmähren geboren wurde und aus dem von keinen sozialen und kulturellen Traditionen berührten primitiven Milieu des Agrarproletariats stammte, als Dreißigjähriger in die „besseren Kreise“ aufgestiegen war, wuchs in ihm ein starkes Gefühl der Vereinsamung, ein Gefühl auch der Entfremdung gegenüber den Traditionen der zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft. Diese Isolation ließ ihn von Anfang an in eine heftige Konfrontation mit der zeitgenössischen Gesellschaft geraten, die er noch durch seine unbequemen provokativen Kampagnen steigerte – so, als er die Echtheit der 1817 gefälschten „Königinhofer und Grünberger Handschriften“ öffentlich bezweifelte, welche die Existenz der tschechischen Literatur seit dem 9. Jahrhundert „beweisen“ sollten und als Heiligtum empfunden wurden. So auch durch sein Eintreten gegen den Antisemitismus in der Affäre um einen angeblichen Ritualmord in Ostböhmen, von seiner Verteidigung der Sozialdemokratie im Wiener Reichsrat, dessen Mitglied er von 1891 bis 1893 und von 1907 bis 1914 war, ganz zu schweigen.

Nicht zuletzt um seine innere Isolation zu durchbrechen, begann Masaryk von 1889 an allmählich seine eigene Geschichtsphilosophie zu formulieren. In dieser versuchte er nachzuweisen, daß die tschechische Nationalbewegung seit Ende des 18. Jahrhunderts eine bewußte Fortsetzung der ideellen Entwicklung der böhmischen Reformation sei, daß die politische „Wiedergeburts“-Idee in der religiösen Humanität der böhmischen Reformation wurzele; den Sinn der tschechischen Geschichte suchte er in der religiös bedingten Idee der Humanität – die auch die historische Existenzberechtigung der Nation darstelle.