Im Verband hat keiner mehr den Blick fürs Ganze: Warum so vieles falsch läuft in der westdeutschen Leichtathletik

Von Arnd Krüger

Der Einbruch wurde erwartet. Daß er so deutlich ausfiel, hatten auch Pessimisten nicht angenommen: Rang 18, drei Medaillen. Peinlich. Schon vor der Weltmeisterschaft hatte es an Kritik nicht gemangelt. In seinen 22 Jahren beim Verband sei die Leichtathletik noch nie so massiv kritisiert worden, beklagte sich Paul Schmidt, der Cheftrainer der Männer.

Der Streit darüber, ob die Schuld am Niedergang der westdeutschen Leichtathletik bei den Funktionären, bei den Sportlern oder beim Verband liegt, macht die Ratlosigkeit deutlich. Keiner will den Schwarzen Peter. Das ist verständlich, denn der Fehler liegt in der Struktur.

Die Sportverbände der Bundesrepublik sind entsprechend der politischen Landschaft föderativ aufgebaut: Athlet, Verein, Landesverband, Bundesverband – dies wäre die normale Reihenfolge. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) hat jedoch für seine Spitzenkader diese Struktur aufgehoben, der Landesverband und häufig auch der Verein sind ausgeschaltet.

Die Folge ist ein Informationsdefizit: Die Spitze des Verbandes ist nur über die Kaderathleten unterrichtet. Dies sind – nach den Vorgaben des Bundesausschusses Leistungssport (BAL) – in der Leichtathletik sechs pro Disziplin und noch einmal die doppelte Anzahl an weniger geförderten relativ jungen Talenten. Die Entwicklung an der Basis bleibt dem DLV verborgen. Daten, die als Entscheidungshilfen dienen könnten, sind – obwohl wir im Informationszeitalter leben – nicht vorhanden.

Wie viele Aktive gibt es? Im Fußball und Basketball zum Beispiel haben die Verbände durch die Ausgabe von Startpässen einen Überblick. In der Leichtathletik kennt man nur die Zahl der über die Landessportbünde gemeldeten Mitglieder, und die weist aus, daß der Anteil der Leichtathleten unter den Sportlern im Deutschen Sportbund rückläufig ist. War vor 25 Jahren noch jeder zehnte ein Leichtathlet, so ist es heute noch jeder 24. Bei einem knapperen Reservoir von Begabten wirken sich Fehler um so gravierender aus.