Von Theo Sommer

Zwischen Füssen und Flensburg, Trier und Treysa halten die Bürger den Atem an. Wer sagt die Unwahrheit: Reiner Pfeiffer oder Uwe Barschel? Ist der Spiegel einem zweiten Kujau aufgesessen, als er seine Waterkantgate-Story in Satz gab, oder hat er abermals als „Sturmgeschütz der Demokratie“ ein Vorwerk der Verderbtheit kapitulationsreif geschossen? Hat die Republik einen neuen politischen Skandal – oder einen neuen Presseskandal?

Noch darf gerätselt werden: Noch fehlen schlüssige Beweise. Und noch sind die Zweifel in jeglicher Richtung erlaubt.

Da ist zunächst einmal Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Barschel – verfolgte Unschuld oder ertappter Sünder? Er hat sich den CDU-Propagandisten Pfeiffer, einen Mann zweifelhaften Leumunds, als Wahlkampfberater geholt. Er hat sich von der letzten – von Pfeiffer zu verantwortenden – Wahlzeitung der Union, mit ihren schleimigen Verleumdungen, distanzieren müssen. Und er kann nicht leugnen, daß in seinem Lande Unerhörtes sich zugetragen hat: Das Privatleben des Oppositionsführers Björn Engholm wurde von Detektiven ausgeforscht, sein Steuergeheimnis durchbrochen.

Barschel bestreitet, mit diesen Krimi-Aktionen das geringste zu tun zu haben. „Erstunken und erlogen“ nennt er die Behauptung Pfeiffers, er habe diese Machenschaften im Auftrage des Kieler Regierungschefs betrieben. Aber Barschels Reaktion war kraftlos und halbherzig: kein Antrag auf Auslieferungsstopp des Nachrichtenmagazins; kein Begehren auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen die Weiterverbreitung der im Spiegel erhobenen Behauptungen; keine Klage auf Unterlassung oder Widerruf, überhaupt kein juristisch relevanter Schritt dort, wo er allein zählt, am Gerichtsstand Hamburg; und kein Auftreten vor der Öffentlichkeit, um sofort beantwortbare Fragen sofort zu beantworten. All dies sind nicht Schuldindizien, aber irritierende Schwächezeichen. Sie verunsichern auch solche, die Barschel glauben möchten.

Dann ist da die zwielichtige Figur des Reiner Pfeiffer. Ein Mann fürs Grobe: mit bewegter Vergangenheit, mit Alkohol- und Finanzproblemen und mit einem Gewissen, das so erratisch ausschlägt wie ein verklemmter Geigerzähler. Bei den von ihm behaupteten Schmuddelaufträgen rührte es sich nicht; die „PR-Vermarktung“ von Uwe Barschels tragischem Flugzeugunglück (wovon wirklich nicht die Rede sein kann) empfand es als beschwerend; ernsthaft aber meldete es sich erst, als die ursprüngliche Spiegel-Geschichte an den Kiosken war.

Hat Pfeiffer da den aufkeimenden Verdacht auf den tatsächlichen Urheber ablenken wollen, auf Barschel – oder wollte er bloß, was er auf eigene Faust unternommen hatte, rechtzeitig dem Ministerpräsidenten in die Schuhe schieben? Brach er vielleicht nach vorne aus, weil er einen allgemeinen Auftrag, die parteipolitischen Gegner der schleswig-holsteinischen Union anzuschwärzen, allzu brutal in Mafia-Aktion umgesetzt hatte und sich nun in den Befehlsnotstand zu retten versuchte? War er eine Lenkrakete oder ein ungelenkter Flugkörper?