Eine gespaltene Konjunktur erschwert Prognosen

Von Ernst Helmstädter

Im Augenblick herrscht eine gewisse Orientierungslosigkeit darüber, wie es konjunkturell weitergehen wird: Die Prognosen, die derzeit gehandelt werden, liegen weiter auseinander als gewohnt. Die einen halten für dieses Jahr ein Wachstum von drei Prozent für erreichbar, andere glauben an höchstens ein Prozent oder weniger.

Franz Josef Strauß hat auf der Jahrestagung des Ifo-Instituts in München Ende Juni den derzeitigen Prognose-Wirrwarr mit Spott überzogen: „Im Vergleich zu dem, was unsere berufsmäßigen Prognostiker erklären, waren die Aussagen der Pythia im alten Griechenland noch von beneidenswerter Klarheit.“ In der ZEIT (Nr. 35: „Die ratlosen Ratgeber“) schrieb Klaus-Peter Schmid: „Selbst der Laie erkennt, wie nahe die Prognosezunft an bloße Schätzungen herangerückt ist, statt wissenschaftlich fundierte Berechnungen zu liefern.“ Was liegt derzeit im argen bei der wissenschaftlichen Konjunkturprognose?

Die Konjunktur bezeichnet ein wirtschaftliches Auf und Ab. Es gibt die Hochkonjunktur, in der alles bestens läuft, und das Konjunkturtief, in dem die Aktivitäten erlahmen. Man stellt sich eine wellenförmige Bewegung mit mehr oder weniger regelmäßig sich ablösenden Auf- und Abschwüngen vor. Die ältere Konjunkturforschung nahm anhand langjähriger Beobachtungen an, daß die Wellenlänge in der Regel sieben bis elf Jahre beträgt. Heute denkt man an eine kürzere Zeitspanne.

Schon anhand eines solchen Wellenmusters kann man sich an eine wissenschaftliche Prognose wagen. Man muß nur zuerst herausfinden, in welcher Konjunkturphase die Wirtschaft sich gerade befindet. Dann weiß man auch, wie es weitergeht – vorausgesetzt, das in der Vergangenheit zu beobachtende Wellenmuster setzt sich weiterhin durch. Eine Erklärung des Wellenmusters selbst ist gar nicht nötig. Es genügt, einen solchen Pulsator der Wirtschaft einfach als beobachtetes Faktum von verläßlicher Regelmäßigkeit nachzuweisen. Die wissenschaftliche Absicherung der Prognose besteht dann in der zuverlässigen Beobachtung gesetzmäßiger Schwankungen.

Eine weit befriedigendere Lösung bestünde jedoch in der Erklärung gerade der Faktoren, die das regelmäßige Auf und Ab bewirken. Die Frage hieße dann: Warum sind, wenn wir schon regelmäßige Konjunkturschwankungen beobachten, die Wellen etwa gleich lang und stark? Diese Frage nach der Wellenlänge und der Amplitudenstärke konnte bisher weder von der Konjunkturtheorie noch mit Hilfe ökonometrischer Modelle beantwortet werden. Nur soviel scheint klar: Die Schwankungen sind das Ergebnis einer verzögerten Reaktion auf Schocks von außen.