Vom öffentlichen Sektor hängt ab, ob wir den Wandel bewältigen

Von Peter Christ

Keine Farbe scheint zu düster, keine Perspektive trist genug, wenn das Bild der Bundesrepublik im Jahr 2030 gemalt wird: Nur noch knapp 43 Millionen Deutsche werden dort wohnen, wo 1984 noch 61 Millionen für quirliges Leben sorgten. Dieses geschrumpfte und wahrscheinlich weiter schrumpfende Volk ist überaltert; schlaffe Fünfzig- und Sechzigjährige versuchen sich mit ihrem längst veralteten Know-how gegen agile, hellwache dreißigjährige Koreaner, Mexikaner und Brasilianer zu behaupten; allenfalls noch vage Erinnerungen haben die ergrauten Germanen an jene seligen Zeiten, in denen ihr Land zu den drei mächtigsten Industrienationen der Welt zählte und kein Staat mehr Waren auf dem Weltmarkt losschlug.

Damit nicht genug. Zur internationalen Zweitklassigkeit gesellen sich heimische Probleme: Zwei arbeitende Bürger müssen drei Rentner durchbringen; die öffentliche Infrastruktur ist überdimensioniert, weil sie für zwanzig Millionen Deutsche mehr bemessen war; Schulen, Krankenhäuser, Kongreßzentren, Bücherhallen, Wohnblocks, Bahnhöfe gammeln unnütz vor sich hin; Lehrer unterrichten vor halbleeren Klassen, Professoren in spärlich besetzten Hörsälen, in den Jugendgefängnissen langweilen sich Wärter; aber weil Beamte allesamt unkündbar sind und weil der Staat versucht, die öffentlichen Einrichtungen zu retten, ächzen die Bürger unter hohen Steuern und Sozialabgaben, was wiederum deren Erwerbssinn, Motor aller wirtschaftlichen Aktivität, lähmt. So kann es kommen, aber nur für den Extremfall, daß Politik, Gewerkschaften und Unternehmer kraß und gleichzeitig versagen.

So überschaubar die demographische Entwicklung ist, so ungewiß sind deren wirtschaftliche Folgen. Wir wissen zwar exakt, wie viele Menschen im Jahr 2000 im erwerbsfähigen Alter sein werden; wir wissen aber nicht, was das für den Arbeitsmarkt bedeutet. Wir wissen erstaunlich genau, wie viele Deutsche welchen Alters 2010 oder 2030 leben werden, können aber nicht mal annähernd so präzise sagen, was daraus für unsere Volkswirtschaft folgt. Es fehlen internationale Vergleichsmöglichkeiten und historische Erfahrungen (Römisches Reich, antikes Griechenland) liegen so weit zurück, daß sie auf unsere Verhältnisse nicht übertragbar sind.

Einzig die große Depression in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts scheint Anschauungsmaterial zu liefern. Nach Ansicht so prominenter Ökonomen wie John Maynard Keynes, John R. Hicks und Alvin H. Hansen war die damals stagnierende Bevölkerungszahl ein wichtiger Grund für den von ihnen als entscheidende Krisenursache identifizierten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Andere Wissenschaftler haben dieser Diagnose entschieden widersprochen.

Wo nicht mal Einigkeit über die Krisenursachen der Vergangenheit herrscht, ist Skepsis geboten, wenn Aussagen über die ferne Zukunft gemacht werden. Unter den Wirtschaftswissenschaftlern der Bundesrepublik herrscht nicht einmal Übereinstimmung über die Konjunktur der nächsten sechs Monate. Wie sollte da eine zutreffende Aussage über den Zustand der Volkswirtschaft im Jahr 2000 oder gar 2030 möglich sein? Ulrich Pfeiffer, der für die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ein Gutachten über die „Bevölkerungsschrumpfung und Auswirkungen für den öffentlichen Sektor geschrieben hat, betrachtet all diese Untersuchungen und Prognosen als „intelligente Vermutungen“. Wichtige Anhaltspunkte für künftige politische und ökonomische Entscheidungen liefern sie gleichwohl.