Von Peter Christ und Nikolaus Piper

ZEIT: Herr Professor Aganbegjan, Sie sind ein Reformer der ersten Stunde und haben Jahrzehnte an den wissenschaftlichen Grundlagen der Umgestaltung in Ihrem Land gearbeitet. Jetzt wird Ihr Konzept Realität. Was empfinden Sie dabei?

Aganbegjan: Ich empfinde Befriedigung, und ich bin in gespannter Erwartung mit Blick auf die tatsächlichen Ergebnisse der Umgestaltung. Wir haben ein einheitliches System der Wirtschaftslenkung erarbeitet und befinden uns jetzt im ersten Stadium. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir von den Worten zu den Taten übergehen müssen. Die nächsten drei Jahre – also bis einschließlich 1990 – sind die Jahre des Handelns.

ZEIT: Wann kam Ihnen zum ersten Mal der Gedanke, daß die sowjetische Wirtschaft radikal geändert werden muß?

Aganbegjan: Dieser Gedanke ist nicht mir erstmals in den Kopf gekommen oder einem anderen einzelnen Menschen, er wurde von der Realität des Lebens selbst diktiert. Das Lenkungssystem für unsere Wirtschaft gründet sich auf die Methode des Befehls und ist entstanden in der extremen Situation bei der Industrialisierung unseres Landes am Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre. Wir mußten innerhalb von zehn Jahren durch eine technische Revolution aus unserer Rückständigkeit herauskommen ...

ZEIT: ... ein Weg, den Sie auch nachträglich noch für richtig halten?

Aganbegjan: Das war eine Frage von Leben und Tod. Wenn wir die Sowjetunion nicht industrialisiert hätten, dann gäbe es uns heute nicht mehr. Wir hätten dann den Krieg verloren, mit allen Folgen. Nicht richtig war die Anwendung von Gewalt, etwa bei der Kollektivierung der Landwirtschaft, nicht richtig waren die Massenverhaftungen, die Einführung der Lebensmittelkarten. Es wäre sicher möglich gewesen, ein weniger hartes Verwaltungssystem einzuführen. Insgesamt aber war die Industrialisierung historisch gerechtfertigt.