Damals, in Bremen, sorgte er für Schlagzeilen; heute, inzwischen in Kiel, ist er selber in den Schlagzeilen – der 48jährige Reiner Pfeiffer. Pfarrer wollte er einmal werden; eine Schule der Franziskaner hat er besucht. Später, als er in Bremen von der CDU auf die Straße gesetzt worden war, machte er sein Geld als Grabredner; nebenbei half er seiner Frau im Eissalon aus. Weder seine alten Kollegen noch seine ehemaligen Parteifreunde in Bremen wollen jetzt noch etwas mit ihm zu tun haben. Doch zugetraut haben sie ihm vieles: nicht gleich zu lügen, doch Tatsachen zu verdrehen, nicht richtig zu schwindeln, aber gehörig aufzubauschen. Er war, heißt es heute, ein Terrier, der jeden Postboten in die Waden beißt, die Dreckschleuder vom Dienst.

Als Public Relations-Mitarbeiter und Redakteur hatte Pfeiffer im Ruhrgebiet angefangen, unter anderem bei der Westfälischen Rundschau, die zu seiner Zeit noch zur SPD gehörte. Dann kam er nach Bremen, angestellt bei der PR-Abteilung von Erno, der Raumfahrttochter des Konzerns MBB, damals noch Vereinigte Flugtechnische Werke.

Seinem Talent, sich jederzeit anzudienen, verdankte es Pfeiffer, daß ihn 1976 der damalige CDU-Fraktionschef Bernd Neumann zu seinem Sprecher machte, zwei Jahre später zum Chefredakteur der kostenlos verteilten Parteipostille Weserreport. Und da war Pfeiffer zum ersten Mal in seinem Element: Das ehedem eher sanftbetuliche Sonntagsblättchen, das über Anzeigen finanziert wird, funktionierte er zu einem Kampfblatt um, ohne deshalb seine guten Manieren zu vergessen – er war in Bremens feiner Gesellschaft durchaus willkommen –, ohne auf adrette Kleidung zu verzichten oder seine Liebhabereien aufzustecken – er verkehrte als Gourmet in den diversen Nobelrestaurants, ein gefragter Speisetester und Weinkoster.

Auch für den Sport schlug sein Herz weiter. So organisierte Pfeiffer Bremens Volksläufe, schaffte für den Weserreport und zugunsten seiner Leser (die Anteile erwarben) zwei Rennpferde an und rühmt sich noch jetzt, die 5000-Meter-Strecke in knappen 17 Minuten laufen zu können (Weltrekord: 12 Minuten und rund 59 Sekunden).

Nur mit der Wahrheit nahm es Pfeiffer nicht immer so genau. So verurteilte ihn 1983 das Hanseatische Oberlandesgericht zu einer Geldstrafe, weil er in seinem Skandalblättchen über eine Sozialpädagogin die Lüge verbreitet hatte, sie setze Kinder unter Alkohol, um sie kommunistisch zu beeinflussen. Im Jahr 1979 sorgte er durch ein Pamphlet gegen den Bausenator Hans Stefan Seifriz, der als Hitlerjunge einen antisemitischen Zeitungsartikel verfaßt hatte, kurz vor den Bürgerschaftswahlen dafür, daß der Politiker seinen Hut nehmen mußte. In Geschmacksfragen seines Berufes hatte er seine eigenen Maßstäbe. Dem Weserreport handelte er während seiner Zeit mehr Gegendarstellungen ein als jemals zuvor. Einem Ausschluß aus der Bremer Journalistenvereinigung kam er durch seinen Austritt zuvor.

Erst feuerte ihn CDU-Chef Bernd Neumann als Fraktionssprecher, dann setzte ihm der Weserreport, der um die spendablen Anzeigenkunden fürchtete, den Stuhl vor die Tür. Pfeiffer war seinen alten Gönnern mittlerweile lästig geworden.

Doch, merkwürdig genug: Noch Jahre nach dem Rausschmiß aus der Fraktionsposition hatte Neumann den Mann als Chefredakteur gehalten; Jahre noch hatte er ihn nach seiner Entfernung von der Zeitungsspitze als Chefreporter weiterarbeiten lassen – denselben Reiner Pfeiffer, von dem Bernd Neumann heute sagt: Hätten ihn seine Kieler Parteifreunde gefragt, ob sie den Journalisten übernehmen sollen, dann hätte er sie dringend gewarnt – „in hohem Maße unseriös“.

Damals kam Pfeiffer, ein Mann für viele brauchbare Skandalfälle, den Christlichen Demokraten Bremens durchaus zupaß. Gewandt, beschlagen, auch skrupellos genug, sollte er die Sozialdemokraten in ihrer Hochburg das Gruseln lehren. Da war seinen Arbeitgebern beinahe jedes Mittel recht und jeder Schreiber, der ebenso dachte und handelte – ein Reiner Pfeiffer eben. Jetzt ist er, der Skandale fabrizierte, selber zum Skandal geworden. D. St.