Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im September

Keine Überinterpretation! So heißt die Devise, die in Bonn am häufigsten ausgegeben wird, nachdem Erich Honecker die Bundesrepublik wieder verlassen hat. Im Prozeß des deutsch-deutschen Neben- und Miteinander soll sein Besuch weder als Ende eines Abschnitts noch als Anfang einer ganz neuen Epoche, sondern nur als weiterer Schritt auf dem Weg der Stabilisierung und des Ausbaus der gegenseitigen Beziehungen erscheinen. Auf diese Weise hilft sich auch vor allem der konservative Teil der CDU/CSU darüber hinweg, daß ausgerechnet von einer durch die Union bestimmten Regierung der förmliche Schlußpunkt hinter eine Entwicklung gesetzt worden ist, die mit dem Mauerbau begonnen hat.

Damals zerriß vollends jener Schleier der Selbsttäuschung, der bis dahin verhüllt hatte, daß die legitimatorische Schwäche des SED-Regimes keineswegs zu seinem Zusammenbruch und zur Wiedervereinigung führen würde. In der vergangenen Woche hat sich, bis in das Protokoll hinein, auch die Union endgültig auf den Boden der Tatsachen gestellt, selbst wenn ein Teil von ihr damit noch hadert.

Um so deutlicher ist freilich die ideologische Abgrenzung und Betonung der prinzipiellen Unterschiede ausgefallen, zumal in den Tischreden Helmut Kohls und Honeckers. Aber die Deutlichkeit in den Worten hat, so weit bisher erkennbar, keine Verhärtung in den Sachen nach sich gezogen. Im Gegenteil, diese Art Abgrenzung ist auch der DDR-Delegation durchaus willkommen gewesen – sowohl als klare Geschäftsgrundlage wie als Unbedenklichkeitszeugnis gegenüber der sowjetischen Vormacht und den anderen Bündnispartnern im Ostblock, die, trotz Gorbatschows Motto vom „gemeinsamen europäischen Haus“, den deutsch-deutschen Umgang immer auch mit Mißtrauen verfolgen.

In der Tat bringt dieser Umgang ja Besonderheiten mit sich, die ebenso den Argwohn wie den Neid Dritter nähren können – von den EG-Präferenzen für die DDR beim innerdeutschen Handel bis zu den inzwischen ins Millionenfache angewachsenen Besucherströmen nicht nur hinüber, sondern auch herüber. Und die Bemerkung des SED-Generalsekretärs und DDR-Staatsratsvorsitzenden im Saarland, daß auch der Tag kommen werde, „an dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern Grenzen uns vereinen“, hat die Phantasie beflügelt, sei es im Mißtrauen, sei es als Hoffnung.

Aber auch bei diesem Satz haben beide Seiten, nach anfänglicher Verblüffung, alsbald die Parole ausgegeben, er dürfe nicht überinterpretiert werden. Das ist richtig dort, wo es um die Kautelen geht, die Honecker daran geknüpft hat: die Anerkennung der Existenz zweier souveräner deutscher Staaten und die feste Verankerung in der Nato wie im Warschauer Pakt, außerdem den Vergleich mit der Grenze zwischen der DDR und Polen – die zwar unbefestigt, aber alles andere als offen ist. Unter vier Augen gaben Honeckers Begleiter freimütig zu verstehen, daß angesichts des Wirtschafts- und Wohlstandsgefälles zwischen den beiden deutschen Staaten an eine wirkliche Öffnung auf lange Zeit nicht zu denken sei. In alledem drückt sich die gleiche kühle Räson aus, die einst zum Mauerbau und seiner Hinnahme führte. Weder kann der Osten ein Ausbluten der DDR zulassen noch der Westen an ihrer fortschreitenden Destabilisierung mit unabsehbaren Folgen interessiert sein.