Von Martin Ahrends

Zwei Wagen sind eben an uns vorbeigeschleust worden, die Hoffnung sinkt rapide. Bis zur letzten Schranke sind wir schon vorgedrungen, die umgetauschten fünfzig DDR-Mark hab ich schon in der Hand. Warum er uns denn nicht aufrufe, will ich vom uniformierten Visa-Beamten wissen: „Sie warten hier“, ist die eher verlegene Antwort. Er weiß, was uns blüht, und ich weiß es nun auch.

Die Szene endet wie alle ähnlichen Szenen in den letzten dreieinhalb Jahren seit unserer Übersiedlung in die Bundesrepublik. Ein höherer Offizier nimmt mich zur Seite, übergibt mir den grünen Paß und spricht den obligatorischen Satz: „Ihre Einreise ist nicht gestattet.“

In den Katakomben des Grenzbahnhofs Friedrichstraße habe ich diesen Satz nicht nur einmal zu hören bekommen, auf dem Antwortschreiben einer DDR-Touristik-Gesellschaft war er auch zu lesen. Wir haben einiges versucht, unsere Eltern und Freunde wiederzusehen, und wir versuchen es immer wieder. Auch wenn es so scheinen könnte: Wir haben durchaus keine masochistischen Motive. Es steht uns kein anderes Verfahren zu Gebote, als das try-and-error, das ansonsten bei Laborversuchen eine Rolle spielt oder für die „Erfahrungen“ primitiver Lebewesen.

Es gibt den berühmten Resignationstest mit einer Spinne, an deren Netz so oft eine das Insektensummen simulierende Stimmgabel gehalten wurde, bis sie nicht mehr aus ihrem Versteck hervorkam, nie mehr, und verhungerte. Der Forscher hatte dabei eine beachtliche Ausdauer; einige hundertmal rannte die Spinne vergeblich, das dumme Tier.

Als uns der Posten die Schranke zur West-Berliner Prinzenstraße öffnet, aus der wir eben gekommen sind, frage ich ihn doch, ob er keine Möglichkeit wisse, zu erfahren, wann wir denn wieder einreisen dürften; was wir denn tun müßten, um uns einreisewürdig zu erweisen. Auch ihm ist es sichtlich peinlich, wer weiß, was sich hier schon für Szenen abgespielt haben (die gekränkte Arroganz einiger frischgebackener Westbürger kann ich mir lebhaft vorstellen). Er hebt die Schultern: Ihn dürfe man danach nicht fragen, hier werde doch darüber nicht entschieden... Die alte Rivalität zwischen Polizei und Staatssicherheit: Das kennen wir, das heitert uns immerhin auf.

Der Mensch ist so konstruiert, daß er für alles Gründe wissen will. Wir müssen noch bis Hamburg fahren, wir haben noch einige Zeit zu mutmaßen, was man wohl für Gründe hat, die Ausgereisten nicht mehr einreisen zu lassen. Ist es, weil die eben erst zerrissenen Bande zu unüberlegten, womöglich illegal-riskanten Aktionen verleiten könnten? Ist es, um ein etwaiges pathetisches Verlangen nach sozusagen privater Wiedervereinigung abzukühlen und in Jahren nur telephonischer und brieflicher Kontakte auf das übliche Maß deutschdeutscher Verbindlichkeit herabzuläutern? Warum fürchtet man den Westler so, der noch kein richtiger Westler geworden ist? Weil er noch nicht funktioniert im innerdeutschen Grenzverkehr mit seinen Animositäten, Heucheleien und Mißverständnissen? Weil er weder hier noch drüben wohnt, sondern irgendwo dazwischen, im Niemandsland, im Undefinierbaren Weil er für kurze Zeit die Grenzen überhaupt für ungültig befinden darf, weil er die gröberen dort nicht mehr, die subtileren hier noch nicht auf sich zu beziehen genötigt ist? Oder ist es weiter nichts als die Strafe des beleidigten Patriarchen, des Vater-Staates, dessen Kinder in Unfrieden das Elternhaus verließen? Vielleicht ist es auch nur eine letzte Rache der Sicherheitsbeamten, die es bekanntlich nur schwer verschmerzen, wenn man sich ihrem Blickfeld entzieht: „Du glaubst, uns entronnen zu sein? Ha, nichts weniger als das! Du bist noch immer ein DDRler, abhängig von der Willkür deiner Zentralbehörde. Und nun grüble mal, was du falsch gemacht hast, vielleicht kommst du drauf, und wir können dich besuchsweise zurückkehren lassen ins Paradies deiner endlosen Kindheit.“