ZEIT: Herr Dr. Neugebauer, die informationstechnische Industrie beklagt, daß Bonn die Informatik zu wenig fördere. Schimmert da eine neue Subventionsmentalität durch, oder liegt wirklich etwas im argen?

Neugebauer: Um es ganz klar zu sagen: Die gesamte informationstechnische Industrie ist absolut gegen jegliche Art von Subventionen. Was wir wollen, sind Investitionen in eine Zukunftstechnologie, die dazu beitragen soll, die Beschäftigungszahlen dieses Industriezweiges weiter zu steigern. Informationstätigkeiten und Dienstleistungen sind die einzigen Bereiche, in denen die Anzahl der Beschäftigten weiter zunimmt. Die informationsverarbeitende Industrie hat 1985 weltweit rund 200 Milliarden Dollar umgesetzt. 80 Prozent davon entfielen auf US-Firmen. Europa hat nur acht Prozent des Weltmarktes, importiert aber dreißig Prozent. Damit sind wir Nettoimporteur. Wie sollen wir so in der Lage sein, Arbeitsplätze zu erhalten beziehungsweise neue zu schaffen? Deshalb muß in diese Zukunftsindustrie investiert werden. Das gilt für den Staat, die Gebietskörperschaften, aber auch die Industrie.

ZEIT: Wenn Sie den Staat ansprechen, was meinen Sie?

Neugebauer: Ich meine zum Beispiel das katastrophale Beschaffungsverhalten der öffentlichen Hand, damit verbunden die Ausgrenzung kleiner und mittlerer Unternehmen. Man muß nur mal andere europäische Länder betrachten, Großbritannien oder Frankreich etwa. In diesen Ländern wird beim Mittelstand weitaus mehr beschafft als bei uns. Beide Länder haben daher auch einen innovationsträchtigen, vor allem exportorientierten Mittelstand. Uns fehlt weiter ein industriepolitisches Instrument für gezielte Auftragsforschung. Uns fehlt auch eine gewisse technisch-moralisch-wirtschaftliche Verpflichtung, ein neues Produkt, das von einem kleinen oder mittleren Unternehmen auf den Markt kommt, in größeren Stückzahlen zu bestellen und auszuprobieren. In den USA ist das gang und gäbe. Kommt dort jemand auf die clevere Idee für ein neues Produkt, dann bestellt man es dort gleich in größeren Stückzahlen, und sei es nur zu Testzwecken.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel für die schlechte Beschaffungspolitik nennen?

Neugebauer: Ein klassisches Beispiel ist der Post-Auftrag für die Entwicklung des Bildschirmtextes an IBM. Ich finde es schlimm, daß bei einer so innovativen Technik IBM nicht wenigstens die Auflage gemacht wurde, ein, zwei oder drei Subunternehmen aus der Bundesrepublik mit einzubeziehen. Das wird in Amerika häufig praktiziert. Bei uns wird immer behauptet, das ginge nicht.

ZEIT: Wird die staatliche Forschungsförderung in der Informatik vernachlässigt?