Von Karlheinz Schmid

Das Unternehmen war ebenso spektakulär wie absurd: Vor drei Jahren engagierte das Szene-Blatt Wiener zwei New Yorker Sprayer für die Gestaltung eines Graffiti-Zuges in der österreichischen Hauptstadt. Was in Amerika und hierzulande als Sachbeschädigung geahndet wird, war ausnahmsweise legal – und freilich eher dekorativ als authentisch.

Graffiti, jener freche Zeitgeist aus der Dose, läßt sich nicht transplantieren. Einmal ins gleißende Licht des öffentlichen Raumes oder der privaten Galerien gezogen, verlieren die Subway-Künstler nicht nur die sorgsam gehütete Anonymität: Ihr bislang aus voller Düse kommendes, meist radikales Lebensgefühl reduziert sich auf eine harmlose Ästhetik gutbürgerlicher Art. Graffiti für den Hausgebrauch.

Die Hamburger Morgenpost, seit einiger Zeit bemüht, der starken Springer-Konkurrenz ein auflagenträchtiges Schnippchen zu schlagen, will auch in Sachen Kunst ernst genommen werden. So hat die kleinformatige Tageszeitung aus dem Verlag Gruner + Jahr auf jedes ohnehin verspätete Graffiti-Geplänkel verzichtet, als sie nun ihre jüngste Werbekampagne „Echt fair!“ startete.

Gesucht wurden weder autodidaktische Sprühdosen-Artisten noch akademisch ausgebildete Trend-Maler. Gefragt waren statt dessen ausschließlich Frauen. Eine umstrittene Entscheidung. Ausstellungsmacher Peter Ruthenberg, der die Idee entwickelt hat und das Projekt konzeptionell betreut, glaubt jedoch, „daß die Frauen in der Kunst im öffentlichen Raum unterrepräsentiert sind“ – und setzt auf den Ausgleich. Echt fair.

Am vergangenen Samstag konnten die Hamburger umsteigen – von der tristen U-Bahn in die farbige „Kunstbahn“, so auch der Titel der aufwendigen Aktion. Mit einem Volksfest wurde die Übergabe der ersten 36 rollenden Kunstwerke gefeiert. Insgesamt sollen 55 U-Bahn-Wagen von 21 Künstlerinnen aus elf Städten bemalt werden Unter den Teilnehmerinnen befinden sich bekanntere Malerinnen wie Renate Anger aus Berlin, Bettina Semmer ans Hamburg und die zweimalige documenta-Meisterin Jenny Holzer aus New York. Außerdem kann man etliche Talente entdecken, darunter Gudrun Differenz (Frankfurt), Eva Ohlow (Köln) und Beate Spalthoff (Berlin).

„Wir wollen einen Überblick über die aktuelle Malerinnen-Szene geben“, hatte Morgenpost-Chefredakteur Wolfgang Clement zum Auftakt der konzertierten Malaktion gesagt: „Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, Kunst aus den Museen in den Alltag der Menschen zu bringen, als dies per Bahn zu tun.“