/ Von Volker Hage

Wann wird uns Lesern Literatur zur Heimat? Immer dann, wenn wir darin unsere geheimen Gefühle und Gedanken, unsere Befürchtungen und Besessenheiten wiederfinden – und zwar so, als wäre überhaupt nichts dabei. In solchen Momenten schließt uns das Lesen an das Leben an, von dem wir doch gern das Gefühl haben, es gehe gerade an uns vorüber. Etwas, das wir für das Privateste gehalten haben, wird in der Literatur öffentlich.

Einer, der diese Wunder zu bewirken vermag, der Amerikaner John Updike, ist hierzulande vor allem als Verfasser von Romanen bekannt. Er ist kein Erneuerer der Literatur und hat sich selbst auch nie so verstanden, doch kommt seine Prosa bei dem Versuch, verschlungensten Wahrnehmungen und intimsten Erfahrungen nachzuspüren, einem Experiment mitunter so nah, daß die Unterscheidung in eine avancierte und eine konventionelle Literatur bei diesem Autor nicht recht greifen will.

Selbst in eher mißglückten Arbeiten – wie dem zuletzt bei uns erschienenen Roman „Die Hexen von Eastwick“ (der demnächst als Film in deutsche Kinos kommt) – finden sich immer wieder berückende, ja beglückende Details, die eine geradezu magische Beobachtungsgabe verraten. Updikes Fähigkeit, bezeichnende Partikel seiner und unserer Realität aufzuspüren und aufzugreifen, hat ihn vor allem dem Mißverständnis ausgesetzt, seine Bücher erschöpften sich darin, ein genaues Abbild der Wirklichkeit zu geben.

Das geht so weit, daß Leser – wie sonst nur Fernsehzuschauer – jeden freizügigen Umgang mit Fakten monieren. Als Updike im April 1982 den American Book Award für seinen Roman „Bessere Verhältnisse“ entgegennahm (den dritten und bisher letzten Teil seines großartigen „Rabbit“-Zyklus), gab er ein paar Beispiele von Publikumsreaktionen auf diesen Roman zum besten. So sei er mehrfach darauf hingewiesen worden, daß die Frau des Helden, Janice, „kein Maverick-Cabrio fahren kann, wie ich es ihr zuschreibe, weil die Ford Motor Company ein Maverick-Cabrio nie gebaut hat.“ Er versprach, rechtzeitig zur Taschenbuchausgabe Janice mit einem Mustang-Cabrio auszustatten ...

Solche Mißverständnisse sind der Preis, den ein Autor bezahlen muß, der seine Geschichten in überschaubaren und überprüfbaren Verhältnissen, seien es bessere oder schlechtere, ansiedelt. „Ich mißtraue Büchern mit spektakulären Menschen oder Ereignissen“, bekannte Updike in einem Selbstinterview. „Literatur sollte sich wie die Evangelien mit dem Inneren derer beschäftigen, die im Verborgenen leben. Das kollektive Bewußtsein, das einmal beim Edelmann zu finden war, muß sich jetzt mit dem Durchschnittsbürger zufriedengeben.“