Die Rache der Göttin wird furchtbar sein. Da hatte Aias, der Grieche, nach dem Fall der Stadt Troja Kassandra, die Tochter des Trojer-Königs Priamos, die sich in den Tempel der Pallas Athene geflüchtet hatte, vom Altar weg- und in seine Arme gerissen – nun wird die heimkehrende griechische Flotte ein Opfer des Meergottes Poseidon werden.

Vor diesem Untergang freilich liegt noch ein anderer: das endgültige Ende des trojanischen Gemeinwesens – alle Frauen, neben dem unmündigen Königsenkel Astyanax die einzigen Uberlebenden, fallen den Siegern als Sklaven oder Konkubinen zu, das Los bestimmt den neuen Herrn. Die letzten Stunden vor dem Abtransport sind ausgefüllt mit Klage-Monologen, aber auch mit stiller Größe und menschenwürdiger Kraft: „Tod ist Gleichmut, Leben Hoffnung – seht her, so nehm ich mein Leben und trag’s zu Ende“. Hekabe, die alte Trojer-Königin, zeigt den jungen Leuten, wozu Reife und Einsicht einen Menschen befähigen.

Die Griechen ließen tausend Helden für eine Helena – die Trojer starben für ihr Vaterland: „Krieg ist Wahnwitz“, resümiert Kassandra, die Seherin, die ihren Stolz, die Liebe des Apollon nicht zu erwidern, damit büßen muß, daß niemand ihren Prophezeiungen glaubt. Kann eine solche Erkenntnis Wirkung zeigen, wenn sie von der Opernbühne herab verkündet wird? Nimmt man in Teheran und Bagdad, in Jerusalem, Beirut und Damaskus, in Johannesburg oder Managua, ja in Moskau oder Washington Notiz von einer klagenden Frau, die ihr Außer-sich-Sein in chromatischen Koloraturen artikuliert?

Aribert Reimanns aufrüttelnde Anti-Kriegs-Mahnung war bei der Münchner Uraufführung, 1986, von Jean-Pierre Ponnelle in opernfestliche Unerbindlichkeit, in das dämpfende und neutralisierende Styropor routinierter Opern-Eurythmie-Expressivität verpackt worden. In Hannover setzt Ekkehard Grübler die gerade noch drei Dutzend Übriggebliebenen in einen riesigen Müllcontainer, vielleicht auch noch das letzte Stück eines vorfabrizierten Schiffsmoduls – die Abfälle einer Massengesellschaft, für die auch Menschen nur noch Wegwerf-Charakter besitzen.

Über ihnen hängt, die ganze Zeit, der halb mitverbrannte „Kopf“ des Trojanischen Pferdes als ständig mahnende Drohung in einer Bagger-Greifklaue.

Das hat Intensität und Deutlichkeit, läßt nachdenken und legt Proteste, Empörung im Inneren frei – läßt uns ernst machen mit dem Widerstand gegen Krieg und Waffen und Vernichtung und alle aufputschende Ideologie. Hans-Peter Lehmann baut ausdrucksstarke Bilder aus Menschenleibern und klagenden Körpern, setzt die Protagonistinnen in ihre Charaktere, die sich selber überwindende Königin, die entrückte Seherin, die leidende Mutter, die zur Reflexion unfähige Egozentrikerin, den zwischen Pflicht und Neigung schwankenden Einsichtigen, den kalten Taktiker und Machtprofi.

Daß da trotzdem noch viel oratorienhafte Distanz wirksam bleibt, die den direkten Appell mildert, schönt, glättet, entgiftet – die harten und unnachgiebigen Klänge, die Georg Alexander Albrecht mit dem engagiert folgenden Orchester erzeugt, vermögen allein die Wahrheit nicht unter die Haut zu spritzen. Die Aufführung selber freilich zeigt, daß auch das in die extremen Anforderungen sich ausdehnende Musiktheater längst seine Chancen hat, nicht nur an den zwei, drei Spitzenbühnen unseres Landes. Nur: wie kriegt man Pershing-la-Liebhaber nach Hannover ins Opernhaus? Wer, schließlich, überzeugt Herrn Wörner, daß ein paar von seinen Waffen-Millionen, in den Zuschuß zu einer solchen Opern-Produktion zweckentfremdet, vielleicht doch mehr Frieden schaffen?

Heinz Josef Herbort