Von Rainer Willert

Berta Torrijos de Arosemena ist eine vorsichtige Dame, auch im Gespräch. Meine Fragen wollte (konnte?) sie erst später schriftlich beantworten (lassen?), und was sie macht, wußte ich schon vorher: Sie führt die Partido Revolucionario Democratico, verwaltet das – nicht nur – ideologische Erbe ihres bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Bruders, des Ex-Diktators Omar Torrijos. Spontan wurde die Führerin allerdings, als sie von einem Bonn-Besuch zu schwärmen begann, und ihr allergrößtes Lob spendete sie für deutsche Ordnung und Organisationskraft. Die Deutschen, so sagte sie sinnierend, sind eben durch eine große Schule gegangen: den Krieg.

Die Panamesen haben ihre letzte Schlacht 1925 geführt, verloren, und das fast kampflos, weil die Yankees sich mit dem Kreuzer Cleveland zwischen die aufständischen Kuna-Indianer von der Inselgruppe San Blas und die anrückende panamesische Nationalgarde schoben. Große Verwirrung brach aus. Noch auf See wurde ein Friedensvertrag geschlossen, der den Kunas die Verwaltungshoheit über ein 220 km langes Land- und Inselgebiet, entlang der Atlantikküste und beginnend an der Grenze zu Kolumbien, zusprach.

Tatsächlich besteht die damals entstandene, autonome „Comarca San Blas“ noch heute, und jedes Jahr, Anfang September, rühren die Indianer von einer der Inseln, „Ustupu“, mächtig die Trommeln. „Nele Kantule“, dem Häuptling von 1925, gilt das Zeremoniell, begleitet von Reden, Spielen, Umzügen. Man fährt zur Toteninsel hinüber, um dem Verblichenen zu huldigen, und im Männerhaus setzen sich die Führer zusammen und erzählen wieder und wieder ihre siegreiche Geschichte, berichten über ihre Abstammung von den Mayas, schildern ihre Feinde: Neger und Chinesen.

Was für ein Durcheinander! Gab es denn nicht zur Erinnerung an die vergangenen Feindschaften heute auf dem Festplatz ein ganz anderes Bild? Den ganzen Nachmittag über, stundenlang, in steter Wiederholung wurde da (gemeinsam von Laienschauspielern und Publikum) ein historischer Dreiakter gespielt. Im ersten Akt sah man, wie panamesische Besatzer die Insulaner folterten. Akt zwei mündete im Entschluß zur Gegenwehr. Im dritten Akt geschah sie, die siegreiche Vertreibung der Panamesen.

Tatsächlich gab der gespielte Kampf die Vorgänge richtig wieder, und die laufende Wiederholung des Stücks steigerte die Stimmung auf den Festplatz mehr und mehr, bis sie in allgemeines Stampfen, Toben, Kämpfen mündete. Nach diesem Höhepunkt verliefen dann die nächtlichen Feiern, bei denen Alkohol und, laut Ankündigung, einfach „alles erlaubt“ war, wirklich sanft und aggressionslos.

Daß ihr Befreiungskampf wie im Theater siegreich blieb, verdanken die Indianer der Cleveland, die die panamesische Streitmacht erst gar nicht weiterrücken ließ. Die erwähnten Neger und Chinesen haben mit dieser Schlacht zu tun. Die Wurzeln der Feindschaft aber sind älter und reichen im Fall der Neger ins 16. Jahrhundert zurück. Damals wetterte der als Indianerschützer bekannt gewordene Mönch Bartolome de las Casas unüberhörbar gegen den Völkermord an den Ureinwohnern des neu entdeckten Amerika. Zum Schutz der hiesigen Indianer, so propagierte er, sollten die robusteren Afrikaner eingeführt, in Bergwerke und Plantagen gesteckt werden.