Von Margrit Himmel-Lehnhoff

Für Piloten und trockene Alkoholiker ist Pingeligkeit überlebenswichtig“, steht über der Tür zum Aufenthaltsraum der sozio-psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb.

Meine „Pingeligkeit“ – ich bin seit sechs Jahren trocken und werde es bleiben – hat zu den unterschiedlichsten Reaktionen geführt. Meine Freunde und Bekannten finden „toll, wie konsequent du abstinent lebst und doch überall dabei bist“. Ganz anders sieht das bei meiner seit 1967 bestehenden privaten Krankenversicherung aus. Obwohl Alkoholismus seit 1968 als Krankheit im Sinne der gesetzlichen Krankenkassen anerkannt ist, kommen die privaten Institute weder für die Entziehungskur noch für sogenannte Festigungskuren auf.

Den Grund hierfür nannte Werner Flimm, Mitarbeiter der PKV publik, Zeitschrift des Verbandes der privaten Krankenversicherungen in Köln, schon ein Jahr nach jenem Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts in Kassel. Auf die Frage: „Halten Sie Trunksucht für eine Krankheit?“ antwortete er: „Nein! Ich weiß aber, daß Psychiater und Juristen anders darüber denken. Wenn ein Mensch vorsätzlich säuft – ein Grund findet sich hinterher immer –, ist er nicht krank, sondern haltlos, genauso wie ein Sexualverbrecher. Ich halte es für absurd, Trunksucht noch mit einer Versicherungsleistung, zum Beispiel einem Tagegeld während der Entziehungskur im Krankenhaus, zu belohnen... Die Rückfallquote ist gerade bei Trinkern groß. Wir stehen vor einem Riesenkostenaufwand, wenn Trunksucht einfach der Krankheit gleichgesetzt wird.“ (Das Band zu Millionen, November 1969.)

Ich hatte bisher nicht einen einzigen Rückfall. Um Rückfälle zu vermeiden, tue ich natürlich viel – wie Tausende anderer trockener Alkoholiker auch. Ich gehe zu Selbsthilfegruppen oder – zuletzt vor zwei Jahren – in die psychosomatische Klinik Herrenalb, um den „neurotischen Suchthintergrund“ aufzuarbeiten. Ob Alkoholismus oder Tablettenabhängigkeit, Depressionen, Asthma, Rheuma – das Therapiekonzept dort ist für alle gleich.

Der Kostenträger nicht. Ich zum Beispiel muß die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, die BfA in Berlin, in Anspruch nehmen. Das hat gleich zwei Nachteile. Der erste: nur Privatpatienten werden innerhalb von sechs Wochen aufgenommen; die anderen müssen bis zu zwei Jahre warten. Der zweite betrifft das Krankentagegeld. Obwohl ich bei meiner privaten Krankenversicherung seit zwanzig Jahren 100 Mark Tagegeld versichert habe, zahlte die BfA nur 39,40 Mark pro Tag, womit nicht einmal meine Fixkosten zur Hälfte gedeckt waren. Die Beraterin beim Gesundheitsamt war der Ansicht, nach mehreren Jahren Abstinenz sei ich gesund, und argwöhnte, ich wollte wohl auf Kosten des Staates Ferien machen ...

Noch harscher verfuhr meine private Krankenkasse mit mir, als ich vor zwei Jahren den Tarif wieder auf eine hundertprozentige Erstattung für ambulante Arztbesuche sowie den „Zahn- und Brillentarif“ aufstocken wollte. Zu Beginn meiner freiberuflichen Tätigkeit hatte ich ihn aus Kostengründen auf eine achtzigprozentige Erstattung gesenkt. Nach mehreren Rückfragen kam endlich ein Versicherungsvertreter mit einem Fragebogen. Ganz oben prangte in dicken roten Lettern „Alkoholikerin“. Erstaunt fragte ich, ob man bei einem Behinderten wohl auch „Krüppel“ schriebe. Verlegen erwiderte er: „Die wissen eben nichts über Sie, die meinten sogar: Was, die ist trocken? Der sollten wir doch mal eine Flasche Asbach schicken“