Schweden sei wieder klein und unscheinbar geworden, beklagen die Schweden

Von Heinrich von Tiedemann

Auf die Frage der F.A.Z., was für ihn das vollkommene irdische Glück sei, antwortete kürzlich der amerikanische Mikrobiologe und Mitentdecker des Aids-Virus, Robert Gallo: „Ein Sommertag in Stockholm.“ Dem kann ich, obwohl ungefragt, nur zustimmen. Poet müßte man sein, um das Licht über der Altstadt, den Brücken und den Schären zu beschreiben, das rötliche Grau des Granits, das Blau und Weiß am Himmel.

Die strenge Schönheit Stockholm, die, am protzigen Make-up bundesdeutscher Metropolen gemessen, immer etwas altjüngferlich wirkte, hat sich einer Verjüngungskur unterzogen. Man zeigt die Früchte gediegener Prosperität. Der einst vielbespottete Einheits-Schwede in zerknautschtem Trenchcoat, Tweed und Flanell, die karierte Schirmmütze auf schütterem Blondhaar, ist seltener geworden. Modisch bunt gewandet flaniert er zwischen Kungsgatan und Hötorget, in der Drottninggatan duftet es gar nach Thymian und Knoblauch, Luxuskarossen ausländischer Herkunft konkurrieren mit den unverwüstlichen Volvos und Saabs. Unverwechselbar schwedisch freilich noch die mit Sturzhelmen beschützten Radfahrer. Sicherheit in allen Lebenslagen, das bleibt die Devise. Wenn hochrangige Staatsgäste in der Sommerresidenz des Ministerpräsidenten, in Harpsund, zur traditionsreichen Kahnfahrt eingeladen werden, wobei sie sich selten mehr als fünfzig Meter vom rettenden Ufer entfernen, müssen sie selbstverständlich eine Schwimmweste anlegen.

Lammfromme Medien?

Mit der sogenannten „inneren“ Sicherheit jedoch tut man sich weiterhin schwer. Der Mord an Olof Palme ist nicht nur unaufgeklärt, er wird zur Zeitenwende stilisiert. Die großen Blätter zählen die Tage seit jenem unheilvollen 28. Februar 1986 und bilanzieren zugleich die Mißerfolge der Fahnder. Oberflächlich betrachtet sind die Fehler leicht auszumachen. Unerfahrene und womöglich nachlässig agierende Beamte haben die Spuren des Täters frühzeitig erkalten lassen, Zuständigkeiten gerieten in Zweifel, Verwirrung und Hilflosigkeit traten zutage. Mit der Ablösung des verantwortlichen Chefs soll nun alles besser werden. Der allerdings äußerte sich sibyllinisch: „Ich bin sicher, daß wir die Hintermänner des Verbrechens finden, nicht aber, daß wir sie vor ein Gericht bringen können.“

Wo also sind sie? Im Ausland? Oder in geschützter Position in Schweden selbst? Einer von Palmes engsten Freunden, der in den dreißiger Jahren nach Schweden emigrierte Österreicher Harry Schein, früher Leiter des Filminstituts, später zeitweise Direktor der staatlichen Investitionsbank, vor allem aber streitbarer Kolumnist, hat Öl auf die Feuer der Gerüchteküche gesprüht. Er ließ durchblicken, eine systematische Haßkampagne gegen Palme, von Unternehmern geschürt, habe den Mord erst möglich gemacht. Unter den einschlägigen Namen, die Schein im Sinn habe, soll sich auch der des berühmten Schriftstellers Lars Gustafsson befinden. Hier geht es augenscheinlich um Abrechnungen unter der Decke einer so konformistisch geprägten Gesellschaft.