Von Uwe Prieser

Zu jeder Tageszeit ist die Karlsbrücke voller Menschen, die zwischen Kleinseite und Prager Neustadt die Moldau überqueren und die Standbilder der Kaiser und der Heiligen auf der Brücke betrachten. Emil Zatopek trug einen blauen Sommeranzug mit Krawatte und Dana ein leichtes, blaues Kleid mit aufgedruckten Blümchen. Auf der Brücke blieben die Menschen stehen. „Hallo Emil! Bitte ein Autogramm. Und noch eines für meinen Neffen. Bitte Emil, ein Photo. Ah, da ist ja auch Dana!“ Das Ehepaar Zatopek kam zu spät zum Essen in das Hotel „Drei Straußen“ am anderen Ende der Brücke.

Es war Sommer. In Prag wurden die Wettkämpfe für den Leichtathletik-Europapokal ausgetragen. Sie hatten eigentlich gar keine Zeit, weil sie viele alte Freunde begrüßen mußten. Emil Zatopek sagte, daß das Leben sehr schnell sei. Vor 35 Jahren sind die Zatopeks in Helsinki innerhalb einer Stunde Olympiasieger geworden. Zuerst Emil über 10 000 Meter, dann Dana im Speerwerfen. Am 19. September werden beide 65 Jahre alt.

Dana spricht Deutsch, Emil auch. Dana sagt: „Ich kam ungefähr gegen sieben Uhr morgens, er ist geboren kurz nach Mitternacht. Na, hat er immer etwas Vorsprung vor mir gehabt, aber ich war ganz froh, daß Emil ist älter.“

Zwischen 1948 und 1954 hat Emil Zatopek 18 Weltrekorde auf den Strecken zwischen 3000 und 30 000 Meter aufgestellt, er ist viermal Olympiasieger und dreimal Europameister und ein Nationalheld geworden. „Die tschechische Lokomotive“ haben sie ihn genannt, um die Dynamik seines Laufstils zu charakterisieren.

Emil Zatopek ist ein gerade mittelgroßer, graziler Mann. Seine Augen liegen zwischen vielen Falten, besonders wenn er lacht. Er lacht gern, seine Augen, die blau sind, scheinen dann seit vierzig Jahren nicht mehr älter geworden zu sein. Im Profil, an der Linie der Wangen und der scharfen Linie seiner Nase sieht man, daß er ein anstrengendes Leben geführt hat.

„So lange an der Spitze zu sein, das wäre heute nicht mehr möglich“, sagt er. „Heute die Sterne kommen und fallen, das geht sehr schnell.“