Bernd Wagner: „Ich will nicht nach Österreich“

„Doch schon lange wußte er, daß er seinen Augen nicht mehr trauen durfte“, läßt Wagner den Dichter Grabbe in der Erzählung „G. in B.“ denken – für sich selbst scheint der Autor Wagner dem doppelsinnigen Grundsatz, der sowohl die Verläßlichkeit des Wahrnehmungsapparates als auch die Gültigkeit des Wahrgenommenen in Frage stellt, wenig Bedeutung beizumessen. Immer wieder erhebt in Wagners Texten ein Erzähler seine Stimme, der sich auf die Urteile seiner Augen-Blicke verläßt und vermeintliche Erfahrung in der Form gesicherten Bescheidwissens zur Sprache bringt. Das mutet ein wenig anachronistisch an. Lange bevor die schreckliche Metapher „Tschernobyl“ es ausdrückte, war der Zusammenhang zwischen Sichtbarkeit und Wirklichkeit verloren. Bernd Wagner, 1948 in Sachsen geboren, Lehrer, war fast zehn Jahre freier Autor in Ost-Berlin, ehe er im Herbst 1985 in den Westteil der Stadt umzog. Nun legt Wagner seine Prosa erstmals in einem Sammelband im Westen vor (Luchterhand Verlag, Darmstadt 1987; 180 S., 26,– DM). Wagners Texte handeln in der Provinz, in Randzonen und Grenzgebieten, und sie erzählen von Flüchtlingen und Umsiedlern, von Zukurzgekommenen und Verkrüppelten, den Schrecken der Kindheit. Daß nicht ein wehleidiges Ich die Sicht auf die Welt verstellt, nimmt für diese Prosa ein. Allerdings finden sich neben Passagen von schöner Lakonie oft Selbstkommentare und überflüssige Pointen. Und leider trifft der Leser nicht selten auf das bloß Behauptete und Gutgemeinte, auf das literarisch nichtssagende Richtige oder auf Pauschales. Pseudopoetische Bockbeinigkeit wie „In den Straßen übte das Leben seine Füße“ (ein Satz aus der Titelgeschichte) hilft der Prosa nicht auf.

Wolfgang Hegewald

Karin Reschke: „Margarete“

Die Perspektive, aus der Karin Reschke den Gretchenstoff neu erzählt, ist zweifellos kühn: Allein und unbemerkt von den nebenan schlafenden Eltern, liegt Margarete im Bett ihres Jungmädchenzimmers in den Wehen und gebiert ein Kind, das sie dann, mehr versehentlich als beabsichtigt, tötet. Karin Reschke handhabt diese Perspektive in ihrem Roman „Margarete“ (Rotbuch Verlag, Berlin 1987; 155 S., 18,– DM) virtuos; wie sie ihre Sprache dem Rhythmus der heftiger werdenden Wehen anpaßt, wie sie den kurzen Atem, das Keuchen unter den Wehen in abgehackten, parataktisch aneinandergereihten Sätzen sich widerspiegeln läßt: das ist beeindruckend. Und doch bleibt das Buch befremdlich, Margaretes Verhalten unverständlich, sie selbst unwirklich. Margarete verschwindet im Unbestimmten, ihr Leben hat keine Zeit, keinen Ort, ihr Handeln keine Motivation. Karin Reschke schreibt gut, aber sie erzählt nicht. Erzählt nicht, warum sich die kleine Verkäuferin in den Versicherungsvertreter Harry Bein verliebt, der bei ihren Eltern ein und aus geht, warum sie sich mit ihm monatelang in einem billigen Hotelzimmer trifft, warum sie sich nach seiner lieblosen Liebe verzehrt, vor allem aber, warum sie die Schwangerschaft verbirgt, warum sie schließlich ihr Kind tötet. Was Karin Reschke mit dem „Findebuch der Henriette Vogel“ gelang, eine Frau in ihrer ganzen Subjektivität zu zeigen und damit unbegreifliches Handeln begreiflich zu machen, hier versagen ihre literarischen Mittel. Ihre Sprache ist kunstvoll, aber es ist eine Kunst, die leerläuft. Marina Münkler

Max Raphael: „Bild-Beschreibung“

Zweimal floh er aus Deutschland, 1917 ins Kriegsexil Zürich und 1937 vor der Verfolgung als Jude nach Paris. Im Zweiten Weltkrieg konnte er aus einem französischen Internierungslager entkommen und nach New York emigrieren, wo er sich 1952 das Leben nahm. Der deutsche Philosoph, Marxist und Kunstwissenschaftler Max Raphael blieb zeitlebens ein Außenseiter. Für eine reibungslose gesellschaftliche und akademische Integration kämpfte er zu engagiert für die kritische Potenz der Kunst. Sein ästhetisches Werk, das sich gegen die Praxis der damaligen Kunstgeschichte, speziell gegen die Stilgeschichte seines Lehrers Heinrich Wölfflin stellte, fand kaum Unterstützung. Das Hauptwerk mit dem programmatischen Titel „Wie will ein Kunstwerk gesehen sein?“ wurde erst postum 1968 in New York in englischer Übersetzung publiziert. Anderes blieb unveröffentlicht. Seit einigen Jahren holt die erstklassige deutsche Ausgabe der Schriften Max Raphaels in der Edition Qumran das Versäumte nach. Unter dem Titel „Bild-Beschreibung“ erschien nun schon der achte Band, herausgegeben und vorbildlich kommentiert von Hans-Jürgen Heinrichs mit einem kritischen Nachwort des Gießener Kunsthistorikers Bernd Growe (Edition Qumran im Campus Verlag, Frankfurt 1987; 462 S., 78,– DM). Die Bildanalysen aus der Zeit zwischen 1945 und 1952 nehmen Werke von Leonardo da Vinci, Raffael, Tintoretto, Tizian, El Greco, Vermeer, Hals, Velasquez und van Dyck in Augenschein. Die präzise Rekonstruktion der visuellen Sprache des Kunstwerks bildet die unabdingbare Basis für Raphaels „empirische Kunstwissenschaft“, deren Ziel es ist, das Kunstwerk als exemplarische Äußerungsform seiner Zeit zu verstehen. Raphael beschreibt faszinierend detailliert die Physiognomie des Bildes als Ereignis und erschließt daraus die Bedingungen der Epoche, in der das Werk entstanden ist. – Eine intensive, aufschlußreiche Schule des „aktiven Sehens“.