Von Benjamin Henrichs

An der Rampe, auf einer wässrig schimmernden Plane, stehen neunzehn Uhren: große, bunte Küchenwecker, einige groß wie ein Kinderkopf. Läuft die Zeit, oder steht sie still?

Wenn dann Pause ist im Theater, wenn das Premierenvolk sich durch die Foyers drängelt, rempelt, wälzt, wenn es leer ist im Zuschauerraum, kann der Kritiker in die erste Reihe schleichen und dem Geheimnis der Uhren nähertreten. Das Ergebnis seiner Recherche (exklusiv für das Wochenblatt DIE ZEIT) ist erregend: Einige Wecker sind aufgezogen, andere nicht. Was hat dieses bloß zu bedeuten? Bevor das Rätsel gelöst ist, klingelt es glücklicherweise draußen in den Foyers, die Theaterpause ist zuende.

„Zeit Zeit Zeit“ – mit diesem Zauberspruch begann Botho Strauß’ Roman „Der junge Mann“, auch er wahrscheinlich eine „Parzival“-Variation. „Mit der Zeit kommen die Menschen immer noch am wenigsten zurecht. Mit ihr können die Irdischen nicht nach ihrem Belieben umspringen, können sie weder erobern noch zerstören und nicht zu dem Ihren zählen.“ Soviel zu den Weckern.

Wenn das Schauspiel beginnt, geht der erste Blick des Zuschauers über die Uhren hinweg auf ein Märchenbild. Prolog. Am Rande des Waldes. Zwei hohe Tannen stehen aufrecht auf einer grünen Aue. In einem gläsernen Sarg liegt, nein: schwebt eine leichenstarre Gestalt. Es ist ein heikles Bild, und es könnte schnell fatal werden – fehlt nur noch der Kuckucksruf, das scheue Reh und die sieben Zwerge.

Aber so einfach, so billig sind Robert Wilsons Märchen nicht. Bald werden wir wissen, daß der gläserne Sarg ein Eisblock ist, und daß nicht Schneewittchen darinliegt, sondern der „gefrorene tote König“. Bald werden wir Zeuge sein bei der seltsamsten Prozession von Figuren, werden hineinschauen in das merkwürdigste Bestiarium.

Schauspieler treten auf, schleichen tänzelnd herein. Gegenwartsmenschen, weiß gekleidet, wie zum Golfspiel. Doch kaum auf der Bühne, sind sie schon verwandelt: jeder stößt einen schrillen Vogelschrei aus, schlägt mit der Hand durch die Luft (wie ein Raubvogel nach seiner Beute). Und aus dem Wald antworten Vogelstimmen, Echos, wundersame Geräusche.