Mit unseren Schalenkoffern sind wir hier wohl falsch“, ruft die junge Frau ihrer Kollegin zu, als sie durch den Heidesand des holländischen Naturschutzgebietes Veluwe zu ihrem Einmannzelt stöckelt. Hätte die Dame mit dem Schalenkoffer und der darin eingepackten Abendgarderobe ihr Programm genauer gelesen, wäre sie sicher mit Rucksack und Turnschuhen angereist, denn die Einladung verhieß „ein außergewöhnliches Erlebnis mit vielen, auch sportlichen Aktivitäten“.

„Incentive“, Belohnungsreise, heißt das Abenteuer, das am Amsterdamer Flughafen begann. Im „Incentive-Handbuch“ steht: „Man nehme ein einmaliges Standardprogramm, bringe den roten Faden an und suche den Super-Gag.“ Super-Gags hatten sich die Holländer zur Genüge ausgedacht: Fahrt im Polizeiwagen zum Seebad Zandvoort, eine Runde im Rennwagen „Formel Ford-1600“ auf der Rennstrecke von Zandvoort, einen 180-Grad-Schleuderkurs, dazwischen ein kaltes Fischbüfett, dann Slalom und Preisverleihung: einen Pokal mit Namenszug für jeden, denn bei einer Incentive-Reise gibt es keine Verlierer. Und dann weiter im Programm: mit Geländewagenfahrt. Off-Road-Trial genannt, Grillparty, Romantik am Lagerfeuer und als „Alternativprogramm nach der Luxusherberge macht es um so mehr Spaß, mal eine Nacht im Zelt zu verbringen. Das härtet ab, man lernt seine Grenzen kennen.“

Als Incentive-Ziel für deutsche Kunden will sich nun auch Holland profilieren. Vor allem das Niederländische Büro für Tourismus (NBT) sieht, nach Aussage seines Direktors Cornelissen, eine Hauptaufgabe darin, „seine Aktivitäten auf die Promotion des Landes als Incentive-Ziel und das Organisieren von Incentive-Reisen zu richten“. Bislang haben die Holländer auf dem hart umkämpften amerikanischen Markt Pluspunkte für ihre Incentive-Programme sammeln können, wie es NBT-Sprecher Jaap Luikenaar formuliert, nun „ist der potente deutschsprachige Markt an der Reihe“. Flagge zeigt das Königreich denn auch zum erstenmal auf dem „Incentive Markt“ in Düsseldorf. Holland, das man eher mit jungen Heringen, altem Käse und klappernden Holzschuhen denn mit einem exotischen Reiseziel assoziiert, will daher auch sein größtes Plus als Incentive-Ziel deutlich herausstellen: den Standortvorteil.

Außergewöhnliche Programmpunkte, die angeblich vom „Normaltouristen“ für kein Geld zu kaufen sind: Stürmung der mittelalterlichen Stadt Bourtange in der Provinz Groningen, Törn auf einem historischen Segelschiff, Lagerfeuerromantik in der Heide. Als weitere „exotische“ Incentive-Punkte wären, mit ein wenig Phantasie, durchaus denkbar: Plauderstunde mit Frauenhändlern in einem Amsterdamer Grachtenhaus aus dem 17. Jahrhundert, Besuch einer illegalen Spiel- oder Opiumhölle, Zeuge einer „zufälligen“ Schießerei zwischen Drogenbanden. Selbstkritisch, wie man ist, weiß man jedoch auch um die Schwachpunkte, die es schwierig machen werden, erfolgreich auf dem deutschen Markt um Incentive-Kunden zu werben: Reserviertheit, wenn nicht gar Unfreundlichkeit der Niederländer gegenüber deutschen Gästen; wenig geschultes Personal, das auf die Wünsche der Gäste entsprechend einzugehen versteht, keine gastronomische Kultur.

Ein weit schwierigeres Problem ist aber die Sorge um das Image des Landes, das in letzter Zeit, vor allem in den USA, dem wichtigsten Incentive-Markt, gelitten hat. Der New Yorker NBT-Direktor, Stephen Hoder, der oft Repräsentanten der amerikanischen Reisewelt durch Amsterdam und durchs Land begleitet: „Die Menschen beklagen sich über die Unsicherheit, den Dreck und die viel zu hohen Preise, vor allem in den Luxushotels. Ich muß ehrlich sagen, daß ich mich ziemlich machtlos fühle, denn sie haben ja Recht.“

So ist es beim Incentive-Ziel Holland nicht allein damit getan, daß das Produkt stimmt, auch das Image muß stimmen. Denn nur darum geht es bei Incentive-Reisen. S. W.