Von Aribert Reimann

Mit Wolfgang Fortner verband mich eine 27jährige Freundschaft, die bei einem IGNM-Fest in Köln begann – viele Begegnungen in seinem Haus in Heidelberg, in der Berliner Akademie der Künste oder an anderen Orten folgten; die verschiedensten Anlässe in und außerhalb von Deutschland führten uns immer wieder zusammen. Zentrales Thema unserer unzähligen Gespräche war oft die Frage der Zukunft und weiteren Entwicklung der Musik, kompositorische Strömungen wurden gestreift, auch wenn wir nur selten über das Handwerk des Komponierens sprachen (er wußte, ich hatte bei Boris Blacher studiert, und drängte sich als Lehrer nicht dazwischen).

Ich bewunderte sehr schnell den „überschauenden“ Blick Fortners, sein untrügliches Gespür für kompositorische Zusammenhänge, seinen fast erschreckenden Forminstinkt. Sein Umgang mit den zwölf Tönen in den Werken, die er nach dem Krieg schrieb, war etwas Neues, wurde zum Ereignis: durch eine Materialordnung, einer inneren Logik gehorchend, wurden Töne und Tonfolgen in spannungsreiche Beziehungen gesetzt, wie ein Glasperlenspiel immer durchschaubar, oft von asketischer Strenge, um so zwingender in der Aussagekraft des Einzeltons – Zufälligkeiten gab es nicht. Ein Stück, im Umgang mit dem Material so karg und gerade deshalb so ergreifend, hat mich immer wieder in meinen Gedanken beschäftigt, mich nie losgelassen: Seine Oper „In seinem Garten liebt Don Perlimplin Beiisa“, die, für kleines Orchester geschrieben, in Schwetzingen uraufgeführt wurde. Als ich dieses Stück zum ersten Mal hörte, war ich wie verzaubert – ich konnte kaum fassen, daß es möglich war, einen so gläsernen, herben und doch so sinnlichen Klang zu schreiben, in dem der ganze Kosmos eingefangen schien, aus dem so viel Menschlichkeit und Liebe sprach, ein so großer Reichtum an Gefühlen und wieder eine so verlorene Einsamkeit, nie wehleidig, sondern immer aus großer Distanz konzipiert.

Daneben eine Oper, die mich bei ihrer Uraufführung 1972 tief beeindruckt und aufgewühlt hatte: „Elisabeth Tudor“. Der sich in unendlichen Kaskaden ergießende Ausbruch der Maria Stuart, das so hinreißend gut komponierte Gespräch der beiden Frauen oder die dramatische Wucht der Orchesterteile bleiben mir unvergeßlich. Der Wechsel von Luftig-Atmosphärischem in geordnet-kühler Strenge wie zum Beispiel in den „Terzinen“, die er für Dietrich Fischer-Dieskau und mich geschrieben hat, mit der ungeheuer schönen, unendlichen melodischen Linie, nur auf wenigen Akkorden im Klavier ruhend, der „Abbitte“ in den Hölderlin-Gesängen und mit der scharfen, fast aus Stein gehauenen Dramatik seiner „Tudor“ oder „Bluthochzeit“ versetzen einen immer wieder in atemberaubende Zustände. Der Unerbittlichkeit dieser Kraft, wie auch in seinem Orchesterwerk „Prismen“ oder der großartigen „Creation“, kann man sich nicht entziehen. Daneben wieder Werke von fast liturgischem Charakter wie die „Pfingstgeschichte“ und „Isaaks Opferung“ oder so virtuose wie „Triplum“ und „Mouvements“. Die überschäumende Vitalität Fortners, seine Ideenvielfalt, seine Poesie, seine Kraft und Zartheit werden gebannt in einem architektonisch streng gegliederten Gebäude aus Formen, die klar voneinander abgegrenzt sind, und in der Abstraktion des musikalischen Gedankens.

Ich habe Wolfgang Fortner für vieles zu danken: für seine Terzinen, die durch die zahlreichen Aufführungen inzwischen zu einem Teil meiner Selbst wurden, für seine Güte, seine Großzügigkeit und Toleranz in allen menschlichen Fragen, für seine Anregungen in Gesprächen, für die vielen so wichtigen Begegnungen mit seinen Werken und für die Uraufführung meines „Verrà la morte“, das er mit so viel innerem Einsatz und Hingabe dirigierte.

Mit Wolfgang Fortner ist ein Stück Musikgeschichte dahingegangen – er war einer der wenigen Großen in diesem Jahrhundert.