Kinderfest beim Kanzler: Fünf Stunden lang essen, trinken, Proben sammeln und erfahren, daß auch Helmut Kohl Fischstäbchen mag

Von Ulla Plog

So ein Termin-Kalender steckt ja manchmal voller Überraschungen – auch und gerade an diesem Donnerstag. Ziemlich genau in dem Moment, als Helmut Kohl leicht grimmig zum Podium des Bonner Plenarsaals stiefelte, um die Vorwürfe des Oppositionsführers als „Neidtiraden“ zu entlarven und überhaupt zurückzufetzen, wird er an ganz anderer Stelle in heiterster Festtagslaune erwartet. „Der Bundeskanzler“, hat einige Tage vorher der stellvertretende Leiter des Kanzlerbüros allen Teilnehmern frohgemut geschrieben, „wird um 11 Uhr seine Gäste vor dem Kanzlerbau begrüßen.“ Die Geladenen sind nun vollzählig auf dem Rasenstück versammelt, auf dem das Siegburger Wachbataillon sonst immer so schmuck Aufstellung nimmt. Dem Kanzler aber ist irgendwie etwas dazwischengekommen – eine Haushaltsdebatte.

Und so geschieht es, daß seine Frau an diesem Morgen die Honneurs macht. Was liegt näher, schließlich handelt es sich um Kinder. Während noch der südpfälzische Kinder- und Jugendchor „Froschkönig“ unerschrocken gegen den Lärm von zwei startenden Heißluftballons vor dem Kanzleramt ansingt, tritt Hannelore Kohl ans Mikrophon und wünscht allen viel Spaß – nicht ohne uns die Anwesenheit des Hausherrn noch in Aussicht zu stellen. „Mein Mann“, sagt sie, „wird in der Mittagspause zu uns stoßen.“

Ganz besonders herzlich begrüßt Frau Kohl danach den Überraschungsgast, „einen, der extra für dieses Fest 9520 Kilometer aus Brasilien hierher gereist ist“. So ein richtiger Ruck geht dann aber doch nicht durch das Publikum. In der Atempause, die für den Jubel vorgesehen ist, rufen einige „Litti, Litti“, was grundsätzlich nicht falsch, hier aber total fehl am Platze ist. Etwas verlegen grinst der Kölner Torjäger mit dem frischen Ruhm vom Vortage dann auch vom Podium herunter. Pelé aber, den großen brasilianischen Ballkünstler, den Fußballhelaen ganzer Generationen, den kennen viele der Jungen und Mädchen auf dem Rasen nicht. Jedenfalls nicht so auf Anhieb.

Hier gibt’s alles umsonst

Gekommen sind zu diesem dritten Kinderfest genau 1726 Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren. Diese triumphierende Zahl verdanken wir der Kinder-Bild, sozusagen dem einzigen offiziellen Organ des Festes. Und wir wollen mal die Frage im Raum stehen lassen, ob man die Angehörigen einer Altersgruppe, die schon in die Tanzstunde hineinreicht, im herrschenden Sprachgebrauch noch als Kinder bezeichnet. Einige Teilnehmer sind Sprößlinge der Bediensteten rundum. Alle anderen Einladungen nahmen den Dienstweg über die Landräte. Die haben artig von jedem Typ Schule eine ausgesucht und den Rest dann den Schulleitern überlassen. Nur in den seltensten Fällen erfuhren die Schüler von ihrem gütigen Schicksal so direkt wie der Halbwüchsige aus dem Raum Aachen, der mit dem Sohn vom Landrat in eine Klasse geht und gleich wußte, „daß das Los auf uns gefallen ist“. Fast alle sind aus Orten mit vierstelligen Postleitzahlen angereist. Und gerade sie trifft das Unerhörte an diesem Kinderfest ganz besonders unvorbereitet. So etwas kennen sie nicht, so etwas haben sie noch nie gesehen – das hat was vom Schlaraffenland.