ARD, Sonntag, 20. 9. 20.15 Uhr und Mittwoch, 23. 9. 20.15 Uhr: „Schlüsselblumen“, Fernsehfilm in zwei Teilen, Buch und Regie: Stephan Meyer.

Was soll ich denn im Westen, ich kann doch nur Staatssicherheit!“ – dieser Satz einer Stasi-Majorin fällt gegen Ende des Films, als alle Prinzipien, Ängste, Erwachsenen-Rollen rasant ins Rutschen kommen und man sich auf das Eigentliche besinnt, die rein privaten Zu- und Abneigungen. Es ist die Parodie eines Spionagefilms, die sich Stephan Meyer ausgedacht hat – zu sehr ausgedacht allerdings, um uns befreit auflachen zu lassen. Angeregt von der jüngsten Verhaftungswelle unter Bonner Ministerial-Sekretärinnen hat Meyer die Affären eines Stasi-Romeos zu einem etwas angestrengt turbulenten Zweiteiler ausgewalzt; ein Teil hätte es sicherlich auch getan.

Die Führungs-Majorin (Mechthild Grossmann) liebt den Kundschafter-Romeo (Winfried Glatzeder) und wird eifersüchtig, als der sich auftragsgemäß in eine Ministerial-Sekretärin verliebt. Sie bricht den Auftrag ab, wird aber von höherer Stelle zurechtgewiesen: diese Sekretärin sei eine unersetzliche Informationsquelle. Pflicht und Neigung geraten aneinander, man wird philosophisch. Die Majorin: „Ich war doch wirklich immer eine gute Sozialistin. Woher habe ich denn dieses ganze verdammte kleinbürgerliche Erbe?“ Der Romeo: „Vielleicht, weil die Partei und die ganze Republik so kleinbürgerlich sind.“ Die Majorin: „Du hast ja so recht...“ Das soll wahrscheinlich komisch sein, es ist aber nur platt.

Daß die Neigung hier den Sieg über die Pflicht davonträgt, daß die Majorin zuletzt mit einem MAD-Offizier glücklich wird und beide Paare zusammenwachsen in ihren riskanten Versuchen, die westöstlichen Machtapparate der Väter auszutricksen, dies erinnert vage an einen wichtigen Film, den es noch nicht gibt. Den Film, in dem eine junge Generation aus der Eierschale kriecht, die für die Väter selbstverständlich war, die brüchigen Sedimente ideologischer Gegnerschaft mit einem Fingerschnipsen zum komisch-geräuschvollen Einsturz bringt und bei sich selbst ankommt, bei ihrer eigentlichen Untauglichkeit für die alten Spiele des kalten Krieges.

Der durchgehend schwankhafte Ton des Films nimmt ihm seine besten Wirkungen, die aus dem befreiend leichtfertigen Umgang mit einer wirklich gefährlichen Institution erwachsen könnten. Oder aus den inneren Zerreißproben der sozialistischen Kundschafterpersönlichkeiten ... Eine Szene allerdings entschädigt für vieles Laue: Der Romeo hat seine Ministerial-Julia (Erika Skrotzki) in Saus und Braus geheiratet, und weil er sie wirklich liebt, gesteht er ihr auf dem Heimweg seine Mission. Sie glaubt ihm nicht. Rührend, wie sie beide in ihrer Hochzeitsmontur auf dem Bettrand sitzen, und er ihr, nicht ohne Stolz, seine Geheimdienst-Utensilien vorführt. Leider nur Ost-Elektronik, keine Laserkanone, kein Messer im Schuh, wie James Bond eines hat – die Braut ist enttäuscht. In dieser Szene kippt eine aus Lüge und Verrat gesponnene Tragödie recht herzerfrischend in die Parodie um. Das ganze mordsgefährliche Geheimdienst-Spielzeug erweist sich als ein Kinderkram; der einst hochwichtige Beruf des Stasi-Romeo als ein aussterbender. Für einen kurzen Moment gewinnen wir die schöne Zukunfts-Perspektive, die in dem Satz steckt: „Was soll ich denn im Westen, ich kann doch nur Staatssicherheit.“

Martin Ahrends