Von Christian Deutsch

Heidelberg

Vor einem Hotel in der Hirschgasse hält eine Limousine. Eine Japanerin in weißem Brautkleid und ihr Begleiter steigen ein. Der Wagen fährt hinauf zum weltberühmten Schloß. Wenig später erklingt in der Schloßkapelle Mendelssohns Hochzeitsmarsch – eine „europäische Trauungszeremonie“, vom Verkehrsverein für japanische Brautpaare inszeniert, hat begonnen. „Natürlich ist das eigentlich Unsinn, weil sie keine Christen sind“, erklärt ein japanischer Fremdenführer, der seit zwei Jahren in Heidelberg lebt, „aber viele junge Mädchen träumen davon.“

Die Heidelberger, allerlei romantischen Unfug gewöhnt, nehmen den Brautzauber kopfschüttelnd hin, läßt sich damit doch Geld verdienen. Der neueste Trend freilich stößt ihnen übel auf: Die Japaner wollen das Geschäft mit den Japanern selbst machen.

Die exotischen Gruppen, die vielen schwarzen Haarschöpfe, immer eng beieinander, die interessierten, ja oft begeisterten Gesichter, eifrig den Worten und Gesten des Reiseleiters folgend – jeder kennt sie in der Altstadt. Die deutschen Händler trifft es da hart, daß diese Gruppen nun stur an den Läden vorbeiziehen, in denen sie früher einkauften: „Oft sind sie mit 50 Leuten hereingekommen, haben alles durcheinandergewühlt, aber sie waren immer sehr höflich, und es hat nie etwas gefehlt“, berichtet die Besitzerin eines Lederwaren-Geschäftes. Noch vor zwei Jahren verdankte sie den Japanern während der Hochsaison von Mai bis Oktober rund 20 Prozent ihres Umsatzes. Dann blieben die fernöstlichen Kunden schlagartig aus.

Japanische Reiseleiter, zu denen die Geschäftsfrau bis dahin beste Kontakte hatte, weichen ihr plötzlich aus, offenbar weil es ihnen peinlich ist, die Gruppen zwei Häuserblocks weiter ins „Royal“ führen zu müssen, einen japanischen Laden nur für Japaner. Wie sehr die Reiseleiter darauf achten, daß ihre Schäfchen keinen Fehltritt machen, erlebte der Besitzer des größten Heidelberger Kunst- und Souvenirgeschäftes: Kaum hatten sich ein paar Japaner in seinen Laden verirrt, holte der Reiseführer sie persönlich wieder ins Freie.

„Ein starkes Stück!“ schimpft Arnold van Eck, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Nordbaden. Er vermutet hinter dem Verhalten der Reiseleiter Provisionsverträge: Die japanischen Souvenirfirmen zahlen Prozente an die japanischen Reiseveranstalter, die dafür die Gruppen in die richtigen Läden führen.