Die „Blechtrommel“ in der DDR – nicht länger dekadent, pubertär und provinziell?

Ist auf nichts mehr Verlaß? Verliert nun auch die DDR den Respekt vor der Literatur? Die Sensation scheint perfekt. In Ost-Lizenz ist ausgerechnet jenes Buch eines „Westberliner Autors“ erschienen, das noch 1971 als „pubertäre Prosa“, als Beispiel für „reaktionäre Dekadenzliteratur“ galt, als ein Roman, der „unter weltliterarischem Aspekt“ als provinzielle Leistung anzusehen sei. Plötzlich sind andere Töne aus der DDR zu vernehmen: Der Roman gehöre „auf Grund seiner poetischen Idee und seiner Sprachkultur zu den wichtigsten Werken der Literatur unseres Jahrhunderts“.

Die Rede ist von Günter Grass und seiner „Blechtrommel“. Ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, daß der Roman schon 1959 das Licht der Welt erblickte, wurden jetzt die Leser des Neuen Deutschland über das Erscheinen der DDR-Ausgabe (614 Seiten für 16,60 Mark) informiert: „Ein trommelnder Zwerg, Oskar Matzerath, erzählt um seinen 30. Geburtstag herum seine Lebensgeschichte. Das geschieht Mitte der fünfziger Jahre...“ So lapidar, als wäre es ein brandneues Buch, wird „ein künstlerisches Gebilde seltener Art“ vorgestellt und als „grotesk, beklemmend, komisch, sehr ernst“ eingestuft.

Wir sind verunsichert. Wer sagt uns jetzt, was gut und böse, was fortschrittlich und was reaktionär, was positiv und was antihumanistisch ist? Wer die Literatur einfach bloß druckt, erweist ihr mangelnden Respekt – das sehen wir im Westen. Publizieren kann jeder. Aber wer bekämpft die Romane und gibt ihnen dadurch ihren Rang? Fragen über Fragen: Ist man in der DDR nun reifer oder unvorsichtiger geworden? Hat vielleicht der Giftschrank für die Literatur der dekadenten westlichen Moderne im postmodernen Zeitalter des Satellitenfernsehens jeden Sinn verloren?

Alles begann in jenem Jahr 1971, als Honecker Ulbricht ablöste. Während die Literaturkritiker der DDR noch eifrig der Dekadenz wehrten, gab der neue Mann fahrlässig die Parole aus, es könne auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben: „Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils.“ Damals galten Texte von Joyce, Proust, Beckett als spätbürgerliche Abirrungen. Und es war auch für Schriftsteller der DDR nicht leicht, an diese Texte heranzukommen. Günter Kunert hat einmal auf die verheerenden Folgen für die literarische Entwicklung eines Lyrikers hingewiesen, wenn ihm gewisse Gedichte der modernen Literatur überhaupt nicht zu Gesicht kamen.

Mehr als ein Dutzend Jahre nach Honeckers Ankündigung mehren sich nun die Zeichen, daß man in der DDR willens ist, Versäumtes nachzuholen:

– Im vergangenen Jahr wurde erstmals ein Stück von Beckett in Ost-Berlin aufgeführt, im Theater am Palast zeigte man „Das letzte Band“;