ZDF, Donnerstag, 10. September: „In bester Verfassung

Während man hier höheren Orts darüber nachdenkt, ob es nicht schicklich sei, unsere Schulkinder beizeiten die Nationalhymne zu lehren, vertonen die Amerikaner die Präambel ihrer Verfassung. Und diese Ode, welche Macht nicht suggerieren, sondern bändigen soll, wird sogar gesungen – von erwachsenen Männern, Politikern obendrein.

Hierzulande ist es vorgekommen, daß die Presse im Falle innerer Krisen freiwillig schweigt, in Amerika legt sie dann erst richtig los, wie jüngst die Iran-Affäre wieder bewies. Politiker, die in den Verdacht geraten, die Verfassung nicht nur zu singen, sondern auf sie zu pfeifen, werden, egal, wie weit oben sie stehen, Objekt der wohl weltweit rücksichtslosesten Öffentlichkeitsmacher.

„Wie, the people“ feiern zur Zeit 200 Jahre amerikanische Konstitution. Das ZDF berichtete unter dem Titel: „In bester Verfassung?“ von diesem Jubiläum. Die Sendung begann mit einem Feuerwerk zu Händelmusik und endete mit einem Aufsatz-Wettbewerb, den ein Neunjähriger gewann, weil er die Verfassung mit seinen eigenen Worten wiedergeben und alles sehr hübsch vorlesen konnte. Der Preis: ein Händedruck vom Präsidenten. Zwischendurch gab es reichlich Mummenschanz: Als Väter der Verfassung paradierten unter Washington-Perücken stolze Bürger, und die Nachkommen James Madisons picknickten zu Ehren der Zentralregierung.

Ein deutscher Professor, Mr. Caspar, der aus lauter Begeisterung für die US-Konstitution gleich amerikanischer Staatsbürger geworden ist, erläuterte das In- und Gegeneinander von Parlament und Präsident, Föderalismus und Bundeshoheit. Die amerikanische Verfassung war ein Sieg des Kompromisses, sagte er, deshalb sei sie bis heute lebens- und inspirationsfähig. Allerdings sei sie auch ein kompliziertes Regelwerk. Caspar: „Die Amerikaner lieben ihre Verfassung, aber sie kennen sie nicht.“ Das gelte auch für die Organe dieser Verfassung selbst, in parlamentarischen und exekutiven Funktionen. Aber wenn dann „All the President’s Men“ auftauchen und an die Verfassung erinnern, lernen Volk und Regierung dazu. Bei aller Macht, die der Präsident besitzt – ihn trifft auch die ganze Schärfe der kritischen Abrechnung.

So zwischen Staatsbürgerkunde und Folklore bot Gerd Helbig ein ansehnliches 45-Minuten-Feature. Da gab’s nicht nur Verehrung für die Schöpfer der ersten und bis heute vorbildlichen demokratischen Verfassung, sondern auch Skepsis: Wie steht’s mit den Rechten so kompakter Minderheiten wie Schwarzer und Frauen? In Philadelphia ist ein Schwarzer Bürgermeister, aber auf den Straßen marschieren Frauen für die Gleichstellung, die im Grundgesetz immer noch fehlt. Nicht alle Amerikaner lieben ihre Verfassung – und kennen dafür ihre Schwächen. Auch davon sprach Helbig. Dennoch hat er, finde ich eine Chance verschenkt.

Was soll uns das Eingedenken großer Taten aus vergangenen Zeiten und in fernen Kontinenten, wenn es nicht Aufschluß liefert über Missetaten in neueren Zeiten und nahebei, was die Aufklärung über fremde Verhältnisse, wenn sie nicht ein Licht wirft auf die eigenen? Wenigstens streifen hätte er sie können, die hiesigen Zustände, denn auch sie feiern ein kleines Jubiläum: Zehn Jahre ist er her, der deutsche Herbst.

Barbara Sichtermann