Von Anna v. Münchhausen

Nicht jeder kommt hinein. Nach hinten schon gar nicht. Das wollen schließlich viele, aber das wäre ja noch schöner. „Schreiben Sie bloß nicht, daß die Models alle kreischen und sich an den Haaren ziehen oder so schreckliche Sachen“, hatte Edwin Lemberg, die rechte Hand des Meisters, vorweg ermahnt; andeutend, Klischees gebe es ja wohl genug von der hektischen Atmosphäre hinter den Kulissen einer Modenschau. Wenn nun aber doch eine kreischt?

12 Uhr mittags, noch achteinhalb Stunden bis zum Countdown. Wolfgang Joop, der Hamburger Top-Designer, dem der Erfolg so preußisch treu ist, hat sich diesmal anläßlich der Düsseldorfer Modemesse die Deutsche Oper am Rhein als Schauplatz für seine Prêt-à-porter-Kollektion gewählt. 34 Mannequins („extra aus Mailand eingeflogen“, hatte Lemberg beiläufig eingestreut) haben die schwarzgestrichene Hinterbühne zum Camp hergerichtet, mit plumeaugroßen Reisetaschen, Evianflaschen und dickleibiger Unterhaltungslektüre.

An fahrbaren Kleiderständern hängt auf 19mal 20 Bügeln, was Joop der Frau im nächsten Sommer anziehen will. Die Mädchen scheinen eben vom Morgenlauf hereingeschneit zu sein; Sporthosen, leggings, übergroße Hemden und Sweatshirts dominieren. Nur die Uhren verraten, daß diese Frauen Profis und gut im Geschäft sind, sehr gut sogar – allein die Joop-Schau bringt ihnen zwischen 1200 und 4000 Mark plus Spesen.

Dafür heißt es nun, sich allmählich in Gang zu setzen. „Vanessa, Alessandra, Nicoletta, Irene!“ Jede bekommt, nach Skizzenplan festgelegt, drei Bügel in die Hand gedrückt. Und „Wolfgang“, wie ihn hier alle rufen, die nackten Füße in Kroko-Slippern, läßt sein kühles Auge über Revers und Nähte, Schößchen und Biesen streifen; zupft hier („rein die Bluse, Leute, rein gehört die“), korrigiert dort („der grüne Gürtel ist doch viel zu breit, hier, nimm den“) und verwirft auch wieder („Die gestreifte Bluse zu dem gestreiften Kostüm? Nein, laß sie raus.“).

Aber Röcke, Blusen, Kleider sind nicht alles. Da fragt die Assistentin Vera, ob denn das mit dem Doppelzimmer für Herrn Schmidt in Ordnung ginge, da braucht Alda dringend ein Grippemittel, um bis zum Abend stehenzubleiben.

„Jettchen, hast Du gerade Zeit?“ Für Papa hat die 19jährige Henriette Joop immer Zeit. „Geh doch in mein Zimmer und hol dies Fluimucil, zwei Päckchen.“ Kaffee soll herangeschleppt werden aus der Kantine, was für Vera der erste Anlaß ist, die Zähne zu zeigen. „Der Kaffee muß bezahlt werden? Den zahlt die Igedo.“ Die Mädels von der Modemesse maulen: „Jetzt werden die aber langsam pampig.“ Erst recht müssen sie schimpfen, als sich Nicoletta schon wieder eine Zigarette anzündet. Was, wenn die Brandwache einen Stummel entdeckt und noch eine Stunde vorher die ganze Schau abbläst?