Von Elvira Spill

In der Krebstherapie bahnt sich ein Umbruch an: Weg von den chemischen Zellgiften hin zur biologischen Krebsbekämpfung, und zwar einfach mit den eigenen Säften des befallenen Körpers. Davon träumte der Nobelpreisträger Paul Ehrlich schon zu Beginn dieses Jahrhunderts. Sein Traum beginnt nun in den Labors der Gentechniker wahr zu werden. Auf dem 3. Weltkongreß „Hormone und Krebs“ in Hamburg haben die Biochemiker und Molekularbiologen vor 1500 Wissenschaftlern aus 40 Ländern eine Reihe aufregender Forschungsergebnisse präsentiert, die in diese Richtung weisen. Optimismus, Aufbruchstimmung kam auf. In absehbarer Zukunft ließen sich Krebsgene, die Zellen ungebremst wuchern lassen, „abschalten“, schwärmte der Göttinger Professor Gerhard A. Nagel, Präsident des Kongresses und der Deutschen Krebsgesellschaft. Und innerhalb von 24 Stunden werde künftig der Arzt dank neuer Diagnostikmethoden wissen, ob seine Therapie wirkt. Das monatelange Warten und Bangen habe dann ein Ende. Schon in einem halben Jahr würden einige der neuen Ideen in den Kliniken als Therapie erprobt. Auch in der Bundesrepublik.

Dennoch baten Nagel und andere Professoren gleichzeitig die Journalisten: „Wecken Sie keine falschen Hoffnungen.“ Immerhin, die Wissenschaft zeigt jetzt so faszinierende Möglichkeiten auf, daß auch sehr skeptische Ärzte Hoffnung schöpfen, mit ihrer Hilfe endlich auch Krebs besser in den Griff zu bekommen. Nicht durch Heilung, nicht durch das Abtöten bösartiger Zellen, sondern durch ein biologisches Stopp-Signal, so daß der Patient mit seinem Krebs so „relativ gesund“ leben kann wie ein Zuckerkranker.

Der Grund für den vorsichtigen Optimismus: Die Genforscher wissen jetzt in wichtigen Teilbereichen, wie normale und wie Krebszellen ihre Differenzierung und ihr Wachstum steuern.

„Hierin liegt ein ungeheures Potential des Eingriffs in Wachstumsprozesse“, so Nagel. Die Ärzte hätten nun „neue logische Ansatzpunkte für therapeutiche Konzepte“.

In Hamburg legten die Genforscher dar, wie bösartige Zellen ihr Wachstum weitgehend autonom, vom Innern der Zelle her, regeln. Und zwar durch zwei Mittel, die sie auch gleichzeitig einsetzen können: durch Krebsgene und Gewebshormone.

Von normalen Hormonen unterscheiden sich diese Gewebshormone dadurch, daß sie direkt in den Zellen und nicht in Drüsen wie Eierstöcken und Hoden produziert werden. Der lange Transport über das Blut entfällt daher. Sie wirken, wo sie gebildet werden: direkt von Zelle zu Zelle.