Neu-Ulm

Wiesenbocksbart, Habichtskraut, Ackerkratzdistel und Margerite sind nur einige der 300 Pflanzenarten, die im Landkreis Neu-Ulm wieder wuchern. Heuschrecken, Spinnen, Schmetterlinge und gefährdete Vögel wie der Neuntöter oder das Rebhuhn finden Nischen, in denen sie sich wieder ausbreiten können. Denn auf Anregung der Naturschutzverbände hat sich das Neu-Ulmer Straßenbauamt bereiterklärt, die Straßenböschungen nach ökologischen Gesichtspunkten zu pflegen und zu unterhalten. „Ein bislang einmaliger Versuch in Bayern“, sagt Klaus Schilhansl, Vorsitzender des Bundes für Vogelschutz in Ulm/Neu-Ulm.

Kurzgeschnittene Böschungen sind an den meisten Straßen die Regel. Zwei- bis dreimal im Jahr wird von den Straßenbauämtern in voller Breite bis zu Waldrändern oder den Wirtschaftsflächen gemäht. Der Schnitt bleibt meist liegen, nachwachsende Pflanzen haben kaum eine Chance, sie ersticken.

Auch an den Bundes-, Staats- und Kreisstraßen im Landkreis Neu-Ulm ist es so gewesen. Bis auf eineinhalb Meter direkt an der Straße wird die Böschung jetzt nur noch einmal im Jahr gemäht und der Schnitt abgefahren. Die bis zu 15 Meter breiten Streifen werden dabei wechselseitig gemäht, so daß die Pflanzen auf einer Seite immer zwei Jahre lang stehen bleiben. Wichtig dabei ist, daß erst im September gemäht wird, nach der Blüte, wenn die Pflanzen ausgesamt haben.

Der Versuch läuft seit einem Jahr. Naturschützer Schilhansl ist begeistert. Rund 100 Hektar Grünstreifen an 280 Kilometern Straße seien für Pflanzen und Tiere gerettet worden. Der Blütenreichtum zieht viele Insekten an, darunter auch Käfer. Sie fressen auf den umliegenden Feldern die Schädlinge weg. Igel, Eidechsen und Wiesel haben wieder Unterschlupf gefunden.

Ausgerechnet die Straßen, die die natürlichen Lebensräume zerschnitten haben, verbinden durch ihre Grünstreifen jetzt die getrennten Biotope. Dabei handelt es sich um Auwälder, Gewässer, Feuchtwiesen und Niedermoorgebiete. Würden künftig Gemeindestraßen und Feldwege einbezogen, so könnte sich ein engmaschiges Netz naturnaher Streifen und somit ein durchgängiges Biotopverbundsystem ergeben.

Ob das Straßenbauamt die neue Regelung beibehält, ist noch nicht entschieden. Es soll abgewartet werden, wieviel Arbeit das Mähen macht. Und wohin mit dem Schnitt? „Deponieraum ist teuer und rar“, sagt Stefan Schiefer. Irgendwann werde sich das Straßenbauamt wohl Komposthaufen anlegen müssen. Josef Wegerer