Waldkirch ist ein idyllisches 18 000-Seelen-Städtchen im Breisgau. Das Gymnasium dort, vor hundert Jahren gegründet, hieß nur „Gymnasium Waldkirch“. Zum Jubeljahr dachten sich die Schüler einen neuen Namen aus: Nach den von Hitler hingerichteten Studenten Sophie und Hans Scholl, die den Widerstandskreis „Weiße Rose“ mitbildeten, sollte die Schule „Geschwister-Scholl-Gymnasium“ heißen. Intensiv hatten sich die Schüler mit den Geschwistern beschäftigt, Und so wollten sie deren ältere Schwester, Inge Aicher-Scholl, kennenlernen. Der Bürgermeister von Waldkirch, ein Sozialdemokrat, lud Inge Scholl zur „Namensübergabe“ ein. Am Montag hielt Inge Scholl dort einen Vortrag über Leben und Sterben ihrer Geschwister.

Doch zuvor waren einigen Oberstudienräten Bedenken gekommen. Inge Aicher-Scholl, bekanntes Mitglied der Friedensbewegung, nahm an einer Sitzblockade in Mutlangen teil und wurde wegen „verwerflicher Nötigung“ zu den obligaten zwanzig Tagessätzen verurteilt. Da furchten sich die Stirnen in Waldkirch. Im Protokoll des „Koordinierungsausschusses“ stand: Oberstudiendirektor und Leiter der Schule „Dr. Götz habe Bedenken bezüglich des politischen Engagements von Frau Aicher-Scholl, welches. ... von den Schülern falsch verstanden werden könne“. Götz’ rechte Hand, Otmar Kurrus, spann die Angst vor „Indoktrination“ weiter: „Herr Kurrus stellt fest, daß es nicht sein kann, daß die Rede für eine Attacke gegen unseren Staat mißbraucht wird, und schlägt vor, von Frau Aicher-Scholl, wenn möglich, ein Manuskript zu erbitten“. Die Kleinkarierten beschlossen, dem Bürgermeister anzutragen, er „möge nochmals mit Frau Aicher-Scholl reden, die Thematik vorsichtig abstecken, möglicherweise auch ein Manuskript von ihr erbitten“.

Dieses Protokoll gelangte in die Hände der Waldkircher Redaktion der regionalen Badischen Zeitung. Die Kollegen dort, richtige Journalisten, schlugen Alarm. Sie stellten sich vor, wie Albert Götz den Rotstift an eine Rede von Inge Aicher-Scholl setzt, und sahen in dem Zensur-Ansinnen eine Verhöhnung der Freiheitskämpfer und all der „vielen, für die Hans und Sophie Scholl ihr Leben gelassen haben. Da wendet man sich mit Grausen“. In der Tat. Doch wenn auf den Vorfeldern ein Kultusminister sitzt, der durch wöchentlich neue Torheiten seinen Studiendirektoren ein merkwürdiges Beispiel gibt, braucht man sich über Merkwürdigkeiten nicht zu wundern.

In Waldkirch entspann sich eine erbitterte Diskussion. Drei Leser schlugen sarkastisch vor, die Schule doch „Rudolf-Heß-Gymnasium“ zu taufen. Der örtliche CDU-Vorsitzende Rudolf Goldschagg schrieb einen erbitterten Drohbrief an die Zeitungsredaktion. Den „idiotischen Anlaß“ (Goldschagg) vergaß er rasch: seine Zensurgelüste richteten sich nun gegen die Journalisten, deren Kritik er als „Hexenjagd“ denunzierte.

Die Adressatin der Aufregung, Inge Scholl, wunderte sich. Die alte Dame mit der sanften Stimme wollte gar nicht über die Friedensbewegung, sondern „über meine Geschwister und ihre Mentalität“ reden. Sie lachte über den Zensurvorstoß, der sie offiziell nie erreichte. Er erinnerte sie an Nestroys Posse „Freiheit in Krähwinkel“. Doch wollte sie „vor der Namensgebung alles tun, damit kein Schatten über diese Taufe fällt“.

Dieser Ansicht waren dann auch das Freiburger Oberschulamt und die örtliche CDU: Sie pfiffen ihre Studiendirektoren und Vorsitzenden zurück. Doch deren Entschuldigungen waren halbherzig. Einzig die Presse habe Waldkirch geschadet, zensierte Albert Götz ungerührt weiter.

Der neue Name der hundertjährigen Schule macht der Stadt Ehre. Nicht aber die Zensurlust hochmögender Bürger. Hanno Kühnert