Hamburg

Polizeiobermeister Reinhard Borchers hatte endlich seine neue Stammkneipe gefunden: „Ruhig, akzeptable Preise, nette Leute und vernünftige Gespräche.“ Was will man mehr. Daß dort auch zahlreiche Mitglieder und Symphatisanten der Grünen verkehren, störte Borchers nicht.

Probleme gab es erst, als er seinen Beruf erwähnte: „Viele bekamen plötzlich ganz große Augen, bei einigen ging die Klappe runter.“ Lang und breit wurde über ein Lokalverbot für den ungewöhnlichen Gast diskutiert, das böse Wort vom „Spitzel“ fiel – allgemein herrschte große Verunsicherung. Doch die Toleranz überwog: „Inzwischen habe ich mich da als linker Bulle etabliert“, sagt Borchers.

Nur am achten Juni vergangenen Jahres mochte der Polizeiobermeister seine Stammkneipe nicht aufsuchen: „Da hab’ ich mich einfach nicht hingetraut.“ Es war der Tag des „Hamburger Kessels“, jenes Polizeieinsatzes auf dem Hamburger Heiligengeistfeld, bei dem 800 Demonstranten bis zu dreizehn Stunden festgehalten wurden. „Ich hatte damit direkt zwar nichts zu tun,“ erzählt Reinhard Borchers, „aber ich steckte ja in dieser ganzen Firma mit drin.“ Er habe damals mit dem Gedanken gespielt, den Job nach mehr als vierzehn Jahren Dienst hinzuwerfen: „Irgend etwas mußte geschehen, so ging das nicht weiter.“

Borchers war nicht der einzige Polizist, dem es damals schwer fiel, zu seinem Beruf zu stehen. Zwanzig unzufriedene Beamte taten sich zusammen und gründeten eine „Arbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten und Polizistinnen“, eine Initiative, die kürzlich in einen Verein überging, das „Hamburger Signal“.

Als Aufgabe stellte sich der Verein, „das Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei zu verbessern sowie negative Tendenzen in der Polizei zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken“. Zu Übergriffen und Rechtsbrüchen der Polizei insbesondere bei Demonstrationen sollte nicht länger geschwiegen werden. Grundsätzlich wolle das „Hamburger Signal“ ein „Zeichen gegen Demokratieabbau“ setzen“, sagt Vorstandsmitglied Manfred Mahr.

Angst vor dem Auftritt als Kritiker in ihrem Berufsstand hätten sie alle ein wenig gespürt, erinnert sich Heiko Dietrich-Schönherr, aber: „Einen einzelnen kann man mal so von oben wegwischen, bei einer Gruppe muß man damit rechnen, daß alles an die Öffentlichkeit gelangt.“