Wie den Deutschen ihr schlechtes Gewissen zum Vorteil ausschlug

Von Lothar Baier

„Wenn der Krieg aus ist“, sagt ein Landser, „dann mache ich eine Radfahrt um Großdeutschland.“ Darauf fragt ein anderer: „Und was machst du nachmittags?“

Die Sammlung von Witzen aus dem Dritten Reich, der die Anekdote entnommen ist, erschien zu einem Zeitpunkt, 1952, als man von den Deutschen offenbar noch nicht verlangte, Widerständler gewesen zu sein: „Als wir alle Nazis waren“, ist sie überschrieben. Aber vielleicht war das auch nur als ein weiterer Witz gemeint; denn wenn alle Nazis gewesen sind, restlos alle, dann kann es mit den Nazis, denen die gesammelten Witze gelten, nicht weit her gewesen sein. Vielleicht klang das Wort „Nazi“ damals, 1952, viel freundlicher als in späteren Jahrzehnten: Von der „Endlösung“ wußten nur die, die von Anfang an eingeweiht waren und deshalb den Mund hielten, und ihre ebenfalls schweigsamen überlebenden Opfer; Eichmann stand noch nicht in Jerusalem vor Gericht und hatte noch nicht erzählt, auf welchen organisatorischen Wegen die Juden Europas in den Tod geschickt worden waren.

Zu den Nazis, die sie alle gewesen waren, gehörte allenfalls die gutgläubige Oma, von der die Witzsammlung berichtet: „Ein altes Mütterchen steht vor einem großen Globus. Es läßt sich von einem Lehrer die Welt erklären und staunt, wie groß Rußland und Amerika sind. ‚Wo ist denn Deutschland, unser herrliches Groß-Deutschland‘ will es wissen. Der Lehrer zeigt den winzigen blauen Fleck auf dem riesigen Globus. Das Mütterchen ist zutiefst erschrocken. ‚Weiß denn das der Führer?‘ fragt es.“

Der Führer hat es nicht gewußt, der Generalstab nicht, die große Mehrheit der Deutschen auch nicht, aber dank der großen Aktion, die alle zusammen in ihrem Nichtwissen unternommen hatten und die daran gescheitert war, wissen wir es heute. Kein Lehrer muß heute kommen und auf den kleinen Fleck zeigen, der sich nicht einmal mehr Deutschland nennt, sondern aus zwei noch kleineren Teilflecken besteht. Der Rausch des Welteroberungstraums hat nach seinem gewaltsamen Abbruch lauter Realisten hinterlassen. In Geographie sind die Deutschen heute unschlagbar.

Es ist schon oft mit Staunen vermerkt worden, welchen ungeheuren Gewinn die Deutschen aus dem von ihnen begonnenen und dann verlorenen Zweiten Weltkrieg zu ziehen verstanden. Während die Siegermacht Großbritannien noch Lebensmittelkarten ausgab, durften die besiegten Deutschen der Westzonen bereits auf dem freien Markt einkaufen gehen. Mußte man sich andernorts mit alten Produktionsanlagen abquälen, hatte die Sanierungswirkung alliierter Bombenangriffe längst Platz für den Einbau der neuesten Technologien geschaffen, aus denen sich dann wunderbare Wachstumsraten hervorzaubern ließen. Es gibt aber auch einen Gewinn aus der Niederlage, über den viel weniger gesprochen wird, weil er nicht sichtbar ist: Den Gewinn aus dem, was den Deutschen an historischen Aufräumungsarbeiten dadurch erspart worden ist, daß die Alliierten ihrem Unternehmen Weltreicheroberung mit einem Schlag ein Ende setzten.