Von Hanns-Bruno Kammertöns

Langeoog, an jenem Nachmittag des 30. Juli 1966. Ein bewölkter Himmel, Nieselregen, Ostfriesland wie gehabt. Dennoch ist es kein Tag wie jeder andere. Zur Stunde beginnt in London eine deutsche Mannschaft, ein Fußballendspiel zu verlieren. Familie K. hat die Brokatvorhänge im Frühstückszimmer zugezogen und schweres Sitzmobiliar im gerechten Halbkreis vor dem Fernseher formiert. Die Stimmung ist gedämpft, der Pensionswirt hatte gebeten, dem Ereignis mit Rücksicht auf seine kränkelnde Großmutter möglichst schweigend zu folgen.

In diesem Augenblick also, die Wimpel waren noch nicht getauscht, öffnet sich die Tür. Es ist ein weiterer Gast des Hauses, jene Frau, die ich von Anfang an nicht gemocht hatte. Sie trug immer Kopftücher und war vermutlich Lehrerin. Keiner hätte gewagt, sie anzusprechen. Sie grüßte, wie immer ziemlich knapp, setzte sich an ihren Tisch, schob den Vorhang wieder zur Seite, lehnte sich zurück und wartete. Das Führungstor durch Haller ließ sie völlig unbeeindruckt.

Da saß sie nun. Ein Ärgernis, unmöglich, dem Spiel noch zu folgen. Und dann, es war wirklich unglaublich, öffnete sich die Tür erneut, und ein Bote brachte auf einem Silbertablett – grellrot und noch dampfend – einen halben Hummer herein. Das Tier sah bedrohlich aus, aber die Frau freute sich und begann zu speisen, schweigend wie immer, während in London der Ausgleich fiel. Hart stießen sich an diesem Nachmittag die Welten in unserem spätbarocken Frühstücksraum.

Erinnerungen an Langeoog: Gut zwanzig Jahre und viele Weltmeister später sehe ich das Ortsschild von Bensersiel wieder vor mir. Bensersiel, der Hafen, das Tor nach Langeoog. Wie schön war es damals, wie groß die Zufriedenheit, wenn es der Familie gelang, vor Abfahrt der letzten Fähre zur Stelle zu sein. Fast vierhundert Kilometer waren es von Essen, und es ging um Minuten, zuletzt auf Landstraßen, die gefüllt waren mit Fuhrwerken und Traktoren. Am Ende wurde es stets dramatisch, wenn der Vater die Familie samt Koffer an der Mole entlud, um sodann in den weiten Deichzonen der friesischen Küste legalen Parkraum zu suchen.

Meist war er sehr müde, wenn er zurückkehrte und in letzter Sekunde noch auf das Schiff springen konnte. Aber eine Pause gönnte er sich nicht. Seine Sorge galt nun dem Gepäck, das vierschrötige Matrosen zuvor in hohem Bogen an Bord geworfen hatten. Und sein Blick konnte sehr traurig sein, wenn er die schweren Regentropfen auf die Kofferdeckel fallen sah.

Wie anders ist es jetzt! Mobile Container fürs Gepäck, größere Schiffe, denen man zutraut, auch weite Ziele zu erreichen, 1000 Parkplätze, nur einen Steinwurf von der neuen Schalterhalle der Reederei entfernt.